Sonstige Texte

1. Philipp, * 16. Febr. 1847 in Samter (Posen), † 16. Juli 1917 in Bad Nauheim, Komponist und Pädagoge. Wie sein jüngerer Bruder Xaver erhielt er nur sporadisch Musikunterricht und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an der Neuen Akad. der Tonkunst in Berlin bei R. Wüerst und H. Dorn, wo er ab 1868 als Doz. für Theorie und Komposition übernommen wurde. 1874 trat er das erste Mal mit einer Ouvertüre und einer Symphonie in einem eigenen Konzert an die Öffentlichkeit. Mit der Eröffnung des Scharwenka-Kons. in Berlin übertrug ihm sein Bruder Xaver 1881 die Leitung des Theorie- und Kompositionsunterrichts, 1891 dann die der Zweigstelle in New York. Philipp Scharwenka kehrte jedoch 1892 wieder nach Berlin zurück, um die Direktion des dortigen Kons. zu übernehmen. Dirigenten wie H. Richter, A. Seidl, F. Mottl und A. Nikisch führten Werke von ihm auf. Reger widmete ihm 1898 seine 7 Phantasiestücke op. 26. Im Rahmen der 37. Tonkünstler-Versammlung 1900 wurde seine vom Allg. Deutschen Musikverein preisgekrönte Dramatische Fantasie für Orch. op. 108 in Bremen aufgeführt. Scharwenka verfügte zudem über ein beachtliches zeichnerisches Talent, das in drastisch-humorvollen Illustrationen zu A. Moszkowskis Satire Anton Notenquetscher Ausdruck...
2. (Theophil Franz) Xaver, * 6. Jan. 1850 in Samter (Posen), † 8. Dez. 1924 in Berlin, Pianist, Klavierpädagoge, Komponist und Herausgeber. Er studierte an der Neuen Akad. der Tonkunst in Berlin Klavier bei Th. Kullak, Theorie und Komposition bei R. Wüerst und H. Dorn. Das dreifache Debüt in der Berliner Sing-Akademie 1869 als Komponist, Pianist und Dgt. markierte den Beginn seiner Karriere, die ihn in viele Länder Europas führte. Liszt wurde ihm Freund und Mentor, mit Brahms und F. Hiller pflegte er freundschaftliche Kontakte. In Berlin eröffnete er 1879 die kammermusikalisch ausgerichteten Abonnementskonzerte sowie 1886 eine Orchesterkonzertreihe, in der er sich als Dgt. profilierte. In diese Zeit fällt auch die Gründung des Scharwenka-Kons. (1881), das 1893 mit der Klavierschule K. Klindworths zum Klindworth-Scharwenka-Kons. fusionierte. Zwischen 1880 und 1886 edierte er das Klaviergesamtwerk Chopins und Schumanns, 1913 auch dasjenige Mendelssohns. Für sieben Jahre siedelte Scharwenka nach New York über (1891–1898), gründete dort eine Filiale seines Kons. und unternahm zahlreiche Tourneen durch die USA. Seine kurzzeitige Betätigung als Musikkritiker stellte er aufgrund wachsender Arbeitsbelastung als Hrsg. für Breitkopf...

Vorwort zur Studienpartitur

Sir Alexander Campbell Mackenzie (geb. Edinburgh, 22. August 1847 - gest. London, 28. April 1935)

 

Konzert für Violine und Orchester cis-Moll, op 32

 

Vorwort

Die Violine spielte schon immer eine bedeutsame Rolle im Leben des schottischen Komponisten Sir Alexander Campbell Mackenzie. Sein Vater Alexander Mackenzie sah als Prinzipalgeiger und Leiter der Kapelle am Theatre Royal in Edinburgh für seinen ältesten Sohn eine ähnliche Laufbahn vor. Zu weiteren Studien wurde er daher 1857 nach Schwarzburg-Sondershausen geschickt, wo er vom dortigen Konzertmeister unterrichtet wurde und recht bald als 2. Geiger im herzoglichen Orchester aufrückte. Hier machte er die Bekanntschaft mit Franz Liszt, der von Weimar kommend des öfteren Proben abhielt. Nach seiner Rückkehr 1862 setzte er sein Studium mit der Hilfe des begehrten King’s Scholarship Stipendiums an der Londoner Royal Academy of Music fort. Während seiner dreijährigen Ausbildungszeit betätigte er sich abends als Berufsmusiker in Theatern und Orchester-Konzerten. Eine kurze Karriere als Lehrer führte ihn sodann zurück nach Edinburgh. Besonderes Ansehen erwarb er sich durch seine 1874 einsetzende Mitarbeit an den dortigen Classical Chamber Concerts. In der Zwischenzeit war die Komposition zum Zentrum seines Schaffens geworden. Sein Werkkatalog umfasst fünf Opern, Kantaten, Orchester-stücke, vier Kammermusikwerke und zahlreiche Kompositionen für Klavier sowie über 100 Lieder. Die großen Verdienste, die sich Mackenzie um die britische Musik erwarb, brachten ihm insgesamt sieben Ehrendoktorwürden u. a. so honoriger Universitäten wie Cambridge und Oxford ein. 1895 hob Queen Victoria ihn in den Adelsstand, hinzu kamen weitere Auszeichnungen europäischer Monarchen. Dass ein Kulturträger von der Bedeutung eines Alexander Campbell Mackenzie dem Vergessen anheim fallen konnte, wäre wohl zu seinen Lebzeiten undenkbar gewesen. Erst mit dem Aufkommen der „Second English Renaissance“ mit Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst als Exponenten waren seine Werke einer Konkurrenz ausgesetzt, der sie nicht standzuhalten vermochten. Zudem fokussierte die musikalische Heroengeschichtsschreibung den Blick auf die herausragenden Geistesgrößen und verzerrte damit das Geschichtsbewusstsein für seine Epoche. Erst seit den 1990er-Jahren beginnt dank der Arbeit einer jungen Generation von Forschern und Interpreten, die sich der Wiederaufnahme des spätromantischen Repertoires verschrieben hat, ein Umdenkungs - und Umwertungsprozess. 1997 spielte der Violinvirtuose Malcolm Stewart Mackenzies Violin-Konzert für das Label Hyperion ein.

 

Auch wenn für Mackenzie letztlich die Komposition zum eigentlichen Arbeitsfeld wurde, verlor er nie die besondere Affinität zu „seinem“ Instrument - die Violine. 1884 erreichte ihn eine Anfrage der Kommission des Birmingham Music Festival, für das Folgejahr ein Violinkonzert zu schreiben. Zunächst war ein Chorstück Ausgangspunkt der Verhandlungen, doch hielten Mackenzie die bereits begonnenen Arbeiten an dem Oratorium The Rose of Sharon sowie am ersten Akt seiner zweiten großen Oper The Troubadour davon ab, zuzustimmen. Aber ein musikalisches Projekt ohne Librettisten realisieren zu können enthob Mackenzie von den Schwierigkeiten, die sich üblicherweise aus der Zusammenarbeit mit Textern ergaben, weshalb man sich auf ein reines Instrumentalstück einigen konnte. Mitte Juni begann er mit ersten Entwürfen unweit von Florenz, wo er sich des wärmeren Klimas wegen 1879 nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch niedergelassen hatte. Binnen Monatsfrist waren die ersten beiden Sätze skizziert, dennoch benötigte er bis zur Vollendung fünf weitere. Gerade der Schlusssatz gab ihm die meisten Probleme auf. Zudem verzögerten weitere Unterbrechungen die Fertigstellung, wie die England- Reise im Oktober 1884 anlässlich der Uraufführung seines Oratoriums in Norwich, einem Werk, das ihm größten Erfolg bescherte und den künstlerischen Wendepunkt in Mackenzies Karriere markierte. Der Zeitdruck, das Violinkonzert nun fertig zu stellen, verschärfte sich mit der Sorge, einen Solisten für die Premiere zu engagieren. Zunächst schrieb Mackenzie im November 1884 an Joseph Joachim, erhielt aber keine sofortige Antwort. Einige Wochen später ließ er einen zweiten Brief mit den Kopien der ersten beiden Sätze sowie dem Versprechen folgen, den dritten in der nächsten Woche zu beenden. Dennoch sagte Joachim auch nach längerem Zaudern nicht zu, was allerdings keinerlei Rückschlüsse auf die Qualität des Werks zulässt. Schon Antonín Dvořák wurde ähnlich behandelt und dieser musste auf die abschlägige Replik sogar über zwei Jahre warten. Letztlich übernahm Pablo de Sarasate den Solopart, ungeachtet der verkürzten Vorbereitungszeit. Hatte Mackenzie das Konzert anfänglich Joachim zu dedizieren gedacht, widmete er es nunmehr dem ihm persönlich völlig unbekannten Sarasate.

 

Beide Geiger standen als Vertreter der deutschen und französischen Schule für unterschiedliche Violinstile. Joseph Joachim, selbst auch kompositorisch tätig (Violin-konzert op. 11, 1861), zog eine mehr vergeistigte Haltung, wie sie von Johannes Brahms modellhaft verkörpert wurde, einem effektheischenden Virtuosentum vor. Sarasate hingegen favorisierte das brillante Feuerwerk, das seine technische Perfektion am besten zu Geltung brachte. Mackenzies Konzert stellt eine Kombination beider Schulen dar. Wenngleich sich gewisse Einflüsse aus der deutschen Tradition in Bezug auf Harmonik und Form ausmachen lassen – schließlich hatte er anfangs Joseph Joachim bei der Konzeption im Sinn gehabt – so entbehrt das Konzert nicht einer technischen Extrovertiertheit.

 

Der 1. Satz zeigt Mackenzies idiomatische wie ungewöhnliche Behandlung der traditionellen Sonaten-Form. Der Exposition lässt er statt der üblichen Durchführung eine Solokadenz folgen, ein Verfahren, dass er auch im späteren Scottish Concerto for Piano (1897) anwandte. Die Idee einer zentral platzierten Kadenz ist hingegen keine Novität, sondern findet in Mendelssohns Violin-Konzert (1844) seinen berühmten Vorläufer, wenngleich Mendelssohn ihr in diesem Fall einen konventionellen Durchführungsteil vorausschickt. Mackenzies Interpretation der Sonatenform führt so zu einer eher unkomplizierten Struktur und verleiht dem Satz eine straffe Kürze, die Sarasate wohl eher angesprochen haben mag als den verkopften Joachim. Im lyrischen Largo dominieren Frage-Antwort-Partien zwischen Orchester und Solist und bieten letzterem für die Ausschmückung und Ausbreitung der Motive reichlich Gelegenheit. Der Finalsatz in E-Dur basiert auf einem polnischen Nationaltanz, dem Krakowiak. Damit lehnt sich Mackenzie gewissermaßen an Brahms Violinkonzert an, das im letzten Satz ebenfalls volksmusikalische Elemente verarbeitet, in diesem Fall ungarische Tanzrhythmen. Nach einer kurzen Orchestereinleitung erscheint in der Violine das Hauptthema mit seinem charakteristisch synkopierten Rhythmus, das im Satzverlauf stets wiederkehrt und ihm seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt.

 

Die erfolgreiche Uraufführung fand im Rahmen des Birmingham Festivals am Abend des 26. August 1885 unter der Leitung des Komponisten statt und erhielt überaus positive Kritiken. In seiner Autobiografie stellte Mackenzie fest, dass er diesem Ereignis den Beginn seiner Freundschaft mit Sarasate schulde, die bis zu dessen Tod anhielt.

 

Matthias Schneider-Dominco, 2008

 

Aufführungsmaterial ist von der Free Library of Philadelphia zu beziehen.


Artikel „Chorwesen im 20. Jahrhundert“, Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Musikvereins Lippstadt, Lippstädter Spuren Bd. 18, Lippstadt 2005

Das Symphonieorchester – Vorstellung der Instrumente

Kleine Instrumentenkunde

Was? Fußball hat nichts mit einem seriösen Symphonie-Orchester zu tun? Doch, doch, er ist sogar nur einen Einwurf weit davon entfernt!
Ein Orchester ist im Prinzip wie eine Fußballmannschaft organisiert, die von einem Trainer geleitet wird. Nur, dass dieser eben hier unter der etwas vornehmeren Bezeichnung Dirigent firmiert - wir befinden uns ja in einem Hort der Hochkultur und da drückt man sich gerne etwas vornehmer aus. Aber ansonsten sind die Unterschiede nur gradueller Natur.
Dem Dirigenten obliegt es, in intensiven Trainigscamps wichtige Vorarbeit zu leisten. Neben der Fitness jedes Einzelnen am Instrument gilt es in Proben immer wieder an Automatismen und Standartsituationen im Zusammenspiel zu arbeiten. Angeleitet durch seine eigene überlegene Schlagtechnik kann beispielsweise ein Orchester rhythmischen Abseitsfallen einer gegnerischen Komposition geschickt aus dem Weg gehen. Durchdringt der Dirigent die Taktik des Komponisten und behält auch im wildesten Getümmel den Überblick, kann er dem Orchester mit eigenem Körpereinsatz vom Spielfeldrand, dem Podium, zu atemberaubender Feldüberlegenheit gegenüber dem Stimmmaterial verhelfen.
Die blockhaften Mannschaftsteile Mittelfeld, Abwehr und Sturm, die je nach taktischer Ausrichtung unterschiedlich betont in Stellung gebracht werden, finden sich auch im Orchester wieder. Das offensive Mittelfeld bilden die Streichinstrumente, mit dem Konzertmeister als klassischen Mittelstürmer an der Spitze. Ihm zur Seite steht der Solocellist als kreative hängende Spitze. Allerdings haben sich die dünnen 4-4-2 oder 4-2-3-1-Formationen im Fußball gegen die kontrapunktisch dicht gestaffelten Räume der spätromantischer Musik nicht durchsetzen können. Man verlässt sich lieber auf ein 14-12-10-8-6-System (14 erste Geigen, 12 zweite Geigen, 10 Bratschen, 8 Celli, 6 Kontrabässe).
Im zentralen und defensiven Mittelfeld postiert sind die Holzblasinstrumente. Wegen ihrer Wendigkeit übernehmen Querflöten und Klarinetten gerne die Positionen der „Doppelsechs“, mit dem Unterschied, dass auch sie jeweils selbst doppelt besetzt sind. Ihnen obliegt oft ein wesentlicher Part im Spielaufbau. Sie sollen Spielsituationen schnell erfassen können und eine gute Übersicht behalten, weswegen sie auch gegenüber den Streichern erhöht sitzen. Neben defensiven, also begleitenden Aufgaben müssen sie über Qualitäten im Spielaufbau besitzen. Laufstarke Sechzehntel entlang der Linien und gute Passpräzision mit den Streichern gehören für sie aber zum Tagesgeschäft.
Unüberwindliche Abwehrketten bilden die Blechbläser, zu Recht oft „Blechpanzer“ genannt. Aber pure Lautstärke allein reicht auch da nicht. Als moderner Abwehrspieler muss man heutzutage neben den Hauptaufgaben in der Defensive auch die Offensive unterstützen, also Angriffe mittragen und initiieren. Der 1. Trompeter beispielsweise liebt daher nach wie vor seine etwas antiquiert gewordene Rolle als Libero. Mit strahlenden Soli kann er in einer großangelegten Sinfonie von Anton Bruckner oder Gustav Mahler von hinten heraus durchaus das Finale allein entscheiden.
Am weitesten vom zentralen Spielgeschehen entfernt ist im Fußball der Torwart. Er verfügt über Sonderrechte, die sich äußerlich in einer anderen Farbgebung seines Trikots manifestieren. So darf er als einziger in einem abgesteckten Bereich den Ball in die Hand nehmen. Einzelelemente finden wir bei Schlaginstrumenten, speziell dem Pauker wieder. Schwarzbefrackt darf allein er nach Gutdünken Schlegel verschiedenster Ausführung verwenden, während den Streichern lediglich ein und derselbe Bogen zur Verfügung steht. Seinen Wirkungsradius am Paukenkreis beherrscht er mit Hilfe eines Drehstuhls mit schnellen Rechts-Links-Bewegungen. Nur so kann er seinen Kasten von Fehlschlägen sauber halten. Seine robusten Innenverteidiger an der großen Trommel oder am Becken scheuen keine Zweikämpfe, ob am Boden oder in der Luft.

(c) Matthias Schneider-Dominco, in: GSO Tonart, 1. Aufl., 2015

Bambussplitter Teil I
(Aus dem Tagebuch einer Chinareise)

 

Das Telefon klingelt. Ben, ein befreundeter Fotograf aus Hamburg, berichtet merkwürdig unaufgeregt von einem dicken Fisch, den er an Land gezogen habe. Architektur-, Straßen- und
Landschaftsaufnahmen, ergänzt durch hochauflösende Sphärenaufnahmen für eine renommierte Bildagentur. Ziel: Guangzhou. Er legt nach. Ob ich für Fotoassistenz zur Verfügung
stünde. Ich, als Musiker?
China – Chiffre für alles Fremde und Exotische. Es wird konkret. Abenteuerlust packt mich. Um Gewicht einzusparen, kommt die so raumgreifende wie simplifizierende Kategorie „schön“ vorsorglich nicht neben die Socken ins Gepäck. Nachdenken über Stereotype. Doch, um Wunderliches zu erleben, reichen ein paar Schritte aus der Haustür. Zollkontrolle am Frankfurter Flughafen. Dem Beamten im hellblauen Hemd überreiche ich den Reisepass mit einem aufgeräumten „Bitte sehr“. Darauf harsch er: „Soll ich dafür jetzt auch noch danke sagen?“ Staatstragend die Kontrollfunktion - durch Freundlichkeit in Verteidigungshaltung gezwungen? Die Macht des Wortes. Gleichzeitig wird die Anrede körpersprachlich positiv quittiert. Kurze Verwirrung, dann die diplomatische Entzerrung: „Das liegt ganz bei Ihnen.“ Wortlos erledigt er, was zu erledigen ist.
Futuristisches Interieur des Fliegers. Changierende Deckenbeleuchtung wirkt simpel-künstlich, verblasst im Kontrast zum Farbenspiel am Himmel. Staunenswerte Erhabenheit der polyvalenten Oberfläche aus Schäfchenwolken. Sie gaukelt je nach Lichteinfall antarktisches Eis, falschfarbige Waldausdehnungen oder einen gigantischen Flokati-Teppich vor. Darüber Federwolken, im gleißenden Gegenlicht einen grauen Schattenwurf produzierend.
Blinzelnde Augen. Mitten in der Nacht? Die digitalen Ziffern zeigen unerbittliche 9 Uhr, der Körper widerspricht. Kein Handy-Piepen, sondern blechern verzerrte Mitteilungen aus Minifunkgeräten sorgten für die Konfusion. Die zellulär gespeicherte Ortszeit schlurft müde sechs Stunden hinterher. Geradezu ansteckend, dieses südländische Temperament des Putzpersonals auf dem Flur.
Frühstück mit Süßkartoffeln, Maultaschen, Bratnudeln und instabilen Toastscheiben. Dazu ein dunkel-transparenter Aufguss, der weder Tee noch Kaffee zu sein scheint. Phänotypisch eher undefinierbare Schnittmenge derselben. Erst der letzte Schluck schärft die Sinne. Der Wand fehlen die etwa vier mal zwei Meter großen Fensterscheiben. Gegenüber Straßenfluchten, Häuserblocks mit vergitterten Balkonen. Baugleiche Klimaanlagen schmücken die endlos aufeinandergestapelten Appartements. Auf den fleckig-altgrauen Wandflächen haben Regenwasserstreifen rostrote Kajaltränen gepinselt. Koffeingehalt dieser morgendlichen Urbanität ähnelt dem Inhalt der Tasse vor mir. Rì ân yôuyù (Bonjour Tristesse!).
Ein Mini-LKW transportiert haufenweise geputzte Ingwerknollen, bleibt im Stau stehen, überholt uns erneut. Geschätzte drei Kubikmeter Toilettenpapierrollen balancieren daneben auf einem Motorrad. Das Hupen der Zweiräder produziert ein hell nasales, blechernes Tröten. Es klingt, wie Billigplastik in den ortstypisch schreienden Farben aussieht.
Sicherheitskräfte sind in regelmäßigen Abständen alle hundert bis zweihundert Meter postiert. Manche Beamte hocken rauchend auf Holzschemelchen neben klimatisierten Metallverschlägen, die sie während der regenreichen Monate als Schutz benötigen. Fixfingrig wischen einige auf ihren Displays, andere telefonieren lautstark. Grenzenlosigkeit zwischen Arbeit und Nichtstun.
Plakate von Rollbildern mit Tuschezeichnungen. Kunst an Baustellenabschirmung? Mitten im Menschenstrom halten wir inne, betrachten die versatzstückartig komponierten Landschaften. Ineinandergeschobene Motive an einem Fluss. Verschiedene Orte verschwimmen in einer Gleichzeitigkeit zu einem Traumbild. Ein klarer Fluchtpunkt fehlt. Es geht nicht um naturgetreue Darstellung. Im Zentrum steht sicherlich eine konkrete Idee, die der Maler durch Auswahl, Kombination und Anordnung der einzelnen Elemente verwirklicht. Nur bleibt sie uns haarigen Langnasen-Yetis verborgen. Jede Ecke bietet Neues, Fremdes, bisweilen Bizarres. Im Wettkampf um den stärksten Sinneseindruck ist das Olfaktorische jedoch dem Visuellen stets eine Nasenlänge voraus.
Türkisfarbene Schmetterlinge irrlichtern durch die Luft. Unscheinbare Exemplare taumeln um beschattete Büsche auf der Suche nach Blüten. Manche verblüffen ob ihrer amselartigen Größe. Sie huschen vorüber, schlagen Lufthaken und damit der Neugier ein Schnippchen. Diverse Sphärenaufnahmen an einer abseitigen Kreuzung. Die Sonne sticht, heizt das schwarze Equipment auf. Durchgeschwitzt pausieren wir am Perl-Fluss mit Blick auf das hypermoderne Finanzzentrum. Zeit für ein erstes Resümee. Links sitzt ein Student. Er fängt an, die schwindelerregend hohe Skyline aus Stahlbeton und blauen Glas abzuzeichnen. Kontemplatives, kunstsinniges Versenken ist das Letzte, was wir erwarten. Hier entfaltet die Allgegenwart von Handys eine Sogmacht, neben der solcherlei Zeitvertreib antiquiert erscheint. Guangzhou, nicht nur architektonisch ein Gegenentwurf zu Prag? Am Kai wirkt der Moloch für einen Moment seltsam distanziert. Aus dicht beblätterten Zweigen eines Ficus Benjamini erklingen unbekannte Vogelstimmen, eher matte Klagerufe, schlichte Seufzer. Nur der Zeichner, ein Kioskbetreiber und wir. Ein stillvergnügtes chinesisch-deutsches Quartett, in der polyphonen Kunst des Müßiggangs vereint. Niemand sonst an der kilometerlangen Kaipromenade. Menschenleere in einer 13-Millionenstadt.

© Matthias Schneider-Dominco

Bambussplitter
Aus dem Tagebuch einer China-Reise (II. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Staunen ob des architektonischen Gigantismus in Stahl und blauem Glas. 438 m ragt das Guangzhou International Finance Center in die Höhe. Das Chow Tai Fook Center wird 2016 fertiggestellt und mit 530 m vom ersteren den Rang des höchsten Gebäudes der Stadt übernehmen.
Noch atemberaubender ist die von der Architektin Zaha Hadid entworfene und 2011 eröffnete futuristische Oper. Es verwundert nicht, dass dieses spektakuläre Gebäude architektonische Maßstäbe gesetzt hat: der Komplex aus mehreren weich geformten Polyedern besitzt keinerlei rechte Winkel, keine senkrechte Wand. Hadid erhielt 2004 den Pritzker-Preis, so etwas wie den Nobelpreis für Architektur. Beim Rundgang wird klar, dass ihre hochfliegenden Ambitionen die Bauherren vor größte Herausforderungen gestellt haben muss. Wie man lesen kann, waren für die Realisierung des hochkomplexen Innenausbaus spezielle Materialien nötig. Ben fängt sofort Feuer und beginnt mit einigen Bildern. Die Sphärenkamera soll hier zunächst noch nicht zum Einsatz kommen, um nicht die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte ungebührlich auf uns zu lenken. Wie werden sie auf Stative reagieren? Nachfragen könnten zur Einstellung des eigentlich harmlosen Foto-Projektes führen, noch ehe es richtig begonnen hat.
Unterhalb des zentralen Platzes befinden sich dutzende Restaurants in den verschiedensten Stilrichtungen, eine wahre Fressmeile. Wir kühlen uns im Starbucks mit Eiscafé herunter. Seltsam, sich in der Rolle des Exoten wahrzunehmen. Unsere Andersartigkeit spiegelt sich in den Blicken der anderen. Neugierige Blicke, die, falls sie nicht gerade auf irgendeinem Display verharren, sich schlagartig nach außen kehren und an uns haften bleiben.
Im krassen Gegensatz zum hypermodernen Baustil über uns fehlt auf dieser Kellerebene jeglicher Sitzkomfort auf der öffentlichen Toilette. Die Tür öffne ich nur kurz – um sie ebenso schnell zu schließen. Äußerst unappetitlich der Anblick, ein beschmutztes Loch im gefliesten Boden, ähnlich dem alter Örtchen französischer Autobahnraststätten. Ein riesiger Ventilator mit Klimaanlage bläst mit Windstärke 6 kalte Luftschwaden auf Wadenhöhe. Hier bleibt nur lange, wen die Natur dazu zwingt.
Der erste Besuch in einem Chinesischen Restaurant fällt enttäuschend aus. Geschmacklich leider ein Reinfall. Das Hühnchenfleisch - nicht durch und nicht nur farblich gräulich. Die Bratnudeln - in altem Öl gesotten. Beides am Rande der Ungenießbarkeit. Tsingtao-Bier und Riesling halten die Stimmung.
Dunkelheit ist schnell hereingebrochen. Der Platz hat sich mit Menschenmengen gefüllt. Ein buntes Lichterspektakel. Illuminiert sind alle Hochhäuser, Lichtgirlanden in den Bäumen des Parks, aus Lautsprechern eine Endlosschleife mit Lionel Richies oskarprämiertem Song „Say you, say me“ und „I will always love you“ von Whitney Houston als präventiv-akustische Sedierung der Massen. Man könnte von einer riesengroßen Inszenierung des Kitsches sprechen. Wir beobachten Inlandstouristen, die ihre Stative aufstellen. Polizei, Sicherheitsleute, keinen kümmert es, obwohl am Eingang des Parks ein Schild neben diversen Verboten das Fotografieren untersagt. Elektrocars mit dauerblinkenden Rot-Blau-Licht. Bei zigtausenden Fotos und Selfies pro Minute, sind solche Bestimmungen ohnehin obsolet geworden. Die innere Anspannung beginnt sich zu lösen.
In einiger Entfernung erstrahlt der 600 Meter hohe Kanton-Tower in changierenden Regenbogenfarben. Noch dicht diesseits des Perlflusses, durch zwei breite Betonbrücken mit dem Ufer verbunden, liegt Haixinsha Island mit dem Haixinsha Stadion, in dem 2010 sowohl Eröffnungs- als Abschlusszeremonien der Asien-Spiele stattfanden. Bizarr wirken vier geschätzte 80m in die Höhe ragende Stahlkonstruktionen für ausklappbare Bildschirme. Sie sehen aus wie überdimensionierte Masten eines Großseglers.

Bambussplitter
Aus dem Tagebuch einer China-Reise (III. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Kurze Rast in einem stylischen Asia-Restaurant. Auch hier werden wir als Sonderlinge wahrgenommen. Amüsiert pflegen wir nun demonstrativ die Klischees mit zwei Humpen Paulaner (alkoholfrei). Mittlerweile kann man Blicke am Rücken spüren.
Länger werdende Schatten und elegische Verfärbungen am Himmel bestätigen den Blick auf die Uhr. Es wird Zeit für die Ersteigung des Kanton-Towers. Angesichts der Preise und meiner Höhenangst bleibe ich in einem Starbucks bei einer guten Tasse ka-fei und überlasse Ben großmütig die grandiose Aussicht. Meine Aussichten führen derweil in die Tiefen der Volksseele. Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Leute nicht nur der Faszination Technik erlegen sind. Die Handymanie hat einen bedenklichen Grad erreicht. Menschen sitzen am Tisch einander gegenüber, reden kaum noch miteinander. Jeder ist getrennt. Wuchernd schießt die virtuelle Polykommunikation ins Kraut. Gleichzeitigkeit mehrerer Gesprächspartner bildet Barrieren, über die keiner mehr schaut und die Aufmerksamkeit bindet. Der Nächste ist immer weit weg. Paradoxe Einsamkeit. Man signalisiert: ich will gar nicht hier an diesem Ort, sondern woanders sein. Der eskapistische Prozess hat eine eingebaute Selbstdynamisierung. Produziert das Dauerchecken selbst ein „immer mehr“ zur Selbstvergewisserung? Diese Spirale kann nicht endlos weiterführen. Permanente Onlinebereitschaft könnte eine virtuelle Parallelpersönlichkeit aufblasen, allerdings um den Preis Realitätsverlust, wenn nicht gar Persönlichkeitsspaltung. Solcherlei Gedankenspiele und Versuche der Selbsteinordnung.
Der ka-fei ist ausgetrunken, der Gedanken genug gemacht und Ben wird sicherlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ich entschließe mich, draußen im frequentierten Einlassbereich des Turms auf ihn zu warten. Wie Wellen strömen die Besuchermassen. Im Augenwinkel registriere ich einen Sicherheitsbeamten. Er fixiert mich immer wieder. Dann kommt er auf mich zu, spricht mich an. Womöglich fragt er, ob er helfen könne. Ob er misstrauisch geworden ist? Sein offenes, freundliches Lächeln sagt etwas anderes. Ich antworte auf Englisch, dass ich auf den Kollegen warte. Aber er versteht nicht und wir reden mit unverständlichen Zungen aneinander vorbei, verstehen nur unsere Mimik. Er, dass ich harmlos bin, ich, dass er nicht versteht, was ich mitteilen will. Er schreitet weiter.
Mit Interesse betrachte ich aus einiger Entfernung Glaskästen, die allerlei kitschigen Plüsch und Plunder enthalten, doch stets von jungen Leuten umringt sind. Nach dem Geldeinwurf versuchen sie mit konzentriertem Blick durchs Plexiglas durch vorsichtige Joystick-Bewegungen den Greifarm zum gewünschten Ziel zu führen. Strahlende Gesichter, neben sich knautschige Kuschelbärenantlitze.
Eine hübsche Chinesin kommt auf mich zu und fragt auf Englisch, ob ich ein Foto machen könne und zeigt auf ihr Handy. Ob sie meint, wegen der eingeklappten Stative und Taschen einen Profi-Fotografen vor sich zu haben? Meine Augen werfen einen hastigen Blick über sie hinaus. Weder ein Freund noch eine zu fotografierende Gruppe steht da und ehe ich mich versehe, macht sie schon, was sie eigentlich meinte: ein Selfie mit mir als aufwertende Bildapplikation. Flashbacks. So viele Selfies. „Ich mit Tower, ich mit Finance Center, ich mit …“ - In dieser Reihe steht nun die jüngste Aufnahme und wahrscheinlich wird sie sofort in chinesischen Netzwerken gepostet und führt ein verselbständigtes, aber kurzes Eigenleben von der Länge einer Eintagsfliege. Ein zweifelhafter Ruhm.
Der Sicherheitsbeamte kommt ein zweites Mal. Er sagt etwas und zeigt auf den ausladenden Eingangsbereich. Ob ich Fotos machen könne. Ich deute auf die Stative und nicke, versuche mit Händen und Füßen anzudeuten, dass der Kollege auf der Turmspitze die Kamera habe. Erneut kann er nur enttäuscht abziehen.

Bambussplitter
Aus dem Tagebuch einer China-Reise (IV. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Der Rückweg zum Hotel gerät zur Lehrstunde in chinesischer Verkehrserziehung. Von weitem betrachtet weist das wilde Treiben auf den Straßen noch einige Parallelen zu hiesigen Regularien auf. Es gibt allgemein gesprochen Verkehrsteilnehmer, Asphaltstraßen, Ampeln und Zebrastraßen. Damit endet die Aufzählung der Gemeinsamkeiten. Wie sich Verkehr auf dem Ort Straße organisiert, das läuft hierzulande nach anderen Konventionen ab. Wichtiger als die gesetzlich festgelegten Regeln sind ungeschriebene Usancen. Es gilt das Recht des Stärkeren, was eine an Gewicht und PS-Stärke orientierte Hierarchie nach sich zieht. LKWs und Busse bilden die Spitze, gefolgt von PKWs, sodann motorisierte Zweiräder und E-Bikes und Fahrräder. Am Fuße der Pyramide findet sich der Passant. Der individuelle Fortbewegungsdrang derer auf diesem Ranking weiter oben Befindlichen wird nur mäßig von Regeln eingehegt. Das führt zu Situation, von denen der risikofreudlose, auf defensive Fahrweise konditionierte Deutsche annimmt, Unfälle müssten doch im Minutentakt geschehen. Verwunderlicherweise werden trotz rigoroser Rücksichtslosigkeit der meisten Autofahrer dennoch nicht pausenlos Fußgänger zu Kühlerfiguren umfunktioniert. Wie das?
Die chinesische Erfolgsformel wird uns beim Überquerungsversuch von zwei Hauptstraßen überdeutlich veranschaulicht. Wir wähnten uns durch Zebrastreifen im Schutz internationalen Regelwerks. Doch elektrisch wie muskulär betriebene Zweiräder scheuchten uns wie Freiwild vor sich her und unterstrichen ihre Vorrangstellung durch heftiges Klingeln und Tröten. Ein, wie ich zugebe, riskanter Selbstversuch bei „Grün“ bewies eindrücklich: ein abbiegendes Auto hält nicht etwa! Wagt man, Regel Nr. 1 (Recht des Stärkeren) in Frage zu stellen, kann, nein wird dieser Versuch das Leben kosten. Mit einem harschen Schimpfwort auf den Lippen springe ich im letzten Moment zurück. Der Außenspiegel wird von Bens reflexartigem Kung Fu-Tritt bewusst nur knapp verfehlt. Gefälligst Marsch zurück ins Glied, Fußsoldaten! Ein Todesnähe-Erlebnis! Seitdem wissen wir: der chinesische Straßenverkehr funktioniert, weil sich jeder seiner Rolle und Rechte auf der Pyramide bewusst ist. Es ist, als würde man einen Stein in einen Bach werfen. Wasser fließt herum. Man hat sich zu fügen und um die Stärkeren herumzufließen - wenn sich Lücken bilden.
Wabernde Geruchsschwaden aus Mülltonnen am Straßenrand setzen unseren zermüdeten Körpern zusätzlich zu. Bislang bezog ich die Bezeichnung „gemäßigte Breiten“ nur auf Witterungsverhältnisse. Das greift zu kurz. Der Bedeutungshof sollte auch zurückhaltendere olfaktorische Bedingungen mit einschließen.
Eine skurrile Szene bot sich uns im KFC. Kindermund tut Wahrheit kund. Und ersatzweise die Körpersprache, wenn die des Landes unverständlich bleibt. Ein kleiner kurzgeschorener Junge empfindet uns als echte Exoten, läuft und scharwenzelt ständig um uns herum und testet seine Englischkenntnisse aus. „Hello“, „bye-bye“. Bei seiner zweiten Umrundung der Tische tätschelt er kurz halb ungläubig, halb staunend meinen rechten behaarten Unterarm, dann mit der Handfläche meinen Hinterkopf. Nun fühlen wir uns endgültig als weiße Langnasen-Yetis.
Schlurfend schleppt sich ein alter Mann mit spärlichem, so kurzen wie ergrautem Haar an einem Stock vorbei nach draußen. Ausgeblichen sein ausgeleiertes, farbiges Unterhemd, eine Kette aus jadegrünen Kugeln schmückt seinen Hals. Er braucht lange für die kurze Strecke. Deutlicher kann ein Generationenwechsel sich auf engsten Raum kaum darstellen. Verloren wirkt er in diesem Imitat westlichen Lebensstils. Was für Zeiten, welche Wandlungen sind vor allem in den letzten Jahren über seinen Kopf hinweggefegt. Nach der Kulturrevolution 1966-76 nun die Kulturadaptionsrevolution. Und so schlurft er als Vertreter einer noch mit der Erbfeindschaft zu Japan großgezogenen Generation leeren Blicks an aufgeschwemmt adipösen Burger-Futterern vorbei.
Ein ähnlich krasser Zusammenstoß von Lebenswelten auf dem Bürgersteig. Spätabends, wir nähern uns Mitternacht, vorbei an greller Leuchtreklame, die mit großlettrigen Handynummern ihre Betrachter stumm anschreien, ein altes Paar. Sie umgibt eine retardierte Zeitaura. Auf Sandalen schlurfen sie mühsam voran. Um sie herum hektische Betriebsamkeit, hupend vorbeifahrende Zweiräder, Menschen mit geneigten Nacken. Vorneweg führt eine alte gekrümmte Frau an einer Holzstange ihren blinden Mann. Er spielt auf seiner Er-Hu, einer viersaitigen Röhrenspießlaute, alte Weisen, denen keiner zuhört. Sie trägt ein Behältnis für eventuelle milde Gaben.

Bambussplitter
Aus dem Tagebuch einer China-Reise (V. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Szene im wahrsten Wortsinne in der Hotel-Lounge. Zwei Inder beschweren sich gesten- und wortreich beim Angestellten, fordern zunehmend vehementer Wasser ein. Ihre anwachsende Lautstärke steht in reziproker Proportion zur Bereitschaft des Personals, normalen Service zu liefern. Welten prallen da aufeinander. Wir bleiben betont freundlich, grüßen und fragen nach Selbstverständlichem – mit Erfolg. Unser Teller ist gefüllt, ebenso der Becher zu 2/3 mit Kaffeeverschnitt.
Da allerdings unser Vertrauen in die Privatsphäre nach dem Auftauchen zusätzlicher Schlüsselkarten in den Einsteckhalterungen unserer Zimmer dahin ist, müssen alle Wertsachen stets mitgeschleppt werden.
Neues Basislager in New Town wird uns das „Kafelaku“, mit guten, preiswerten Mittagsgerichten und vietnamesischem Eiskaffee. Über der Toilette befindet sich ein selbstgemaltes Verbotsschild mit der Aufschrift „no shitting“. Wo dann, fragt sich da der geneigte Leser?
Draußen bitten drei schüchterne Schülerinnen uns um ein Interview. Offensichtlich haben sie als Aufgabe für ihren Englisch-Unterricht O-Töne zu sammeln. Originell ihre Fragen: Welche Festivals unser Land zu bieten habe, wie das Brot, was interessant an China sei. Dann das obligatorische Selfie mit behaarten Großstadtbären. Die Shootings laufen dann eher zäh. Zwar haben wir zwei hervorragend geeignete Ecken ausgemacht, aber stets sind zu viele Menschen unterwegs und im Bild. Dazu ein penetranter Wachmann, der mit seiner situativen Begriffsstutzigkeit zig Sphärenaufnahmen unbrauchbar macht. Auch die Technik zickt. Von zehn Versuchen gelingt nur eine einzige Aufnahme. Frustrierend. Nervig die akustische Umweltverschmutzung. Hupen an den Zweirädern produzieren ein hell nasales, blechernes Tröten, das so klingt wie das Billigplastik in seinen schreienden Farben aussieht.
Ging der morgendliche Hotelservice bislang gerade noch als Genreszene durch, so überschritt mit der Gewöhnung das lustlose Verhalten der Jungs von der Frühstückstheke doch merklich die Grenze zur Unverschämtheit. Da wird man nicht etwa begrüßt, missmutig nur stets auf konkrete Nachfrage ein halber (sic!) Becher Kaffee bereitet. Unaufmerksam und ignorant werden die Füttertröge leer belassen. Koch und Kellner signalisieren durch Mimik und Verhalten dafür ein schulterzuckendes „Is`-halt-alle.-Selber-Schuld“. Man zeigt sich vielmehr geradezu gestört von der eigentlichen Tätigkeit, dem Schauen irgendeiner chinesischen Soap auf dem Handy. Hier fühlt man sich nicht als Gast. Serviceleistung kann daher nur mit einer verdienten 6- benotet werden. Das ist nicht mal ein schlechter Witz.
Der 5. Produktionstag liegt hinter uns. Trotz der kräftezehrenden Waschküchenatmosphäre war er recht produktiv. Der Weg zum Operngebäude glich einem Slalom. Überall unberechenbare Fährnisse. Nicht nur dem Brodem stinkender Mülltonnen galt es rechtzeitig auszuweichen, auch den Unebenheiten des steinernen Flickenteppichs unter uns. Trotz durchgehender Pflasterung und Asphaltierung hält er für unbedarfte Fußgänger manch gefährliche Unebenheiten bereit. Gullideckel, die nicht auf Straßenniveau angehoben sind oder einfach ein fußgroßes Loch am Rand aufweisen. Löcher sind notdürftig mit Steinschutt befüllt. Mit Beton ausgegossene Straßenschäden erweisen sich als unvermittelt sich erhebende Betonbergkuppen im Asphaltfluss. Sie wirken wie Fußeisen, für Autos hingegen immerhin verkehrsberuhigend.
Ist New Town als artifizielles Gebirgstal konzipiert? Die Hochhäuser rahmen die Parkanlagen wie Felsmassive ein. Bäume, Büsche, Bodendecker – alles ist rhythmisiert angepflanzt. Am Teich Kunststofffindlinge und künstliche Baumstümpfe. Reichte es neben einem 438m hohen Finance Centre nicht für echte? Immerhin sind für die Bepflanzung große alte Bäume herangekarrt worden. Das macht es umso unverständlicher. Der feine Knacks als Leitmotiv.
Ein ganzes Heer unauffälliger Gärtner pflegt die Flächen, fegt einzelne Blätter vom Platz und schneidet braune Blattspitzen von den Sträuchern. Eine wunderschöne Baumblüte des Puderquastenstrauchs fesselt unsere Aufmerksamkeit. Deren Kern entweichen rosa-rote Strahlen. Ben bannt die exotische Schönheit auf die Festplatte. Wenige Meter entfernt, unterhalten sich zwei Polizisten lebhaft miteinander. Die Schlagstöcke haben sie im Anschlag. Sie wirken entspannt, lachen und gestikulieren. Ich wage den Versuch, zeige auf die Blüte und frage auf Englisch, ob ihnen der Name bekannt sei. Leider verstehen sie mich zunächst nicht. Ben sagt „Wǒ shì Bēn“ und zeigt auf sich, dann „Wǒ shì…“ mit dem Finger auf die Blüte zeigend. Beide nicken sich gegenseitig zu. Es geht hin und her. Der andere schüttelt den Kopf. Zu uns geneigt verneinen sie mit höflichem Lächeln. Gegenteiliges im U-Bahnschacht. Statuarisch erstarrt ein Kollege podesterhöht mit ernster Miene.
Nach Bens kurzzeitiger „Airkältung“ entspannter Ausklang im „Kafelaku“. Ein schneidend scharfer Ruf dringt durch die Fenster. Nebenan werden Angestellte mit militärischem Drill zur Bildung einer Kohorte aufgefordert. Eine paramilitärische Übung? Sie brüllen im chorischen Unisono Parolen, die im Atrium der Hochhausanlage widerhallen. Eine bedrohliche Szenerie.
Tag der Abreise. Abgerundet und schlüssig zum bisherigen Verhalten, pflegt dieses Hotel kein formelles Auschecken. Keine Verabschiedung. Nichts. Ein Taxi schifft uns schlingernd durch die Dünung des Straßenverkehrs. Wir haben gelernt, uns den hiesigen Gepflogenheiten anzupassen und akzeptieren den improvisierten Heckspoiler.

Bambussplitter

Aus dem Tagebuch einer China-Reise (VI. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Kontrolle beim Einchecken im Bahnhof Guangzhou. Ein Beamter fischt mich aus der Schlange heraus. Die Durchleuchtung des Koffers hat einen verdächtigen Gegenstand angezeigt. Ich bin gezwungen, bis zur Kulturtasche zu öffnen. Eine Nagelschere. Sie darf verbleiben. Das Image des hilfsbereiten Servicepersonals ist beängstigend brüchig. Bahnfahrt nach Hong Kong lässt keine Konzentration für Lektüre aufkommen. Abtauchen in der bekannten Kakophonie. Die Landschaft fliegt an uns vorüber.
Ankunft in Hong Kong. Wir sind in China und doch in einem anderen Land. Taxifahrt zum Ovolo-Hotel. Der Verkehr ist bei aller Hektik gesitteter. Unser neues Basislager liegt wenige Meter vom Ufer entfernt. Eine Hafenanlage der besonderen Art, die wir nach dem Einchecken näher zu erkunden gedenken. Kurzer Blick auf einen Meeresarm mit hunderten Booten, Dschunken, Jachten und Nussschalen, die mit schmatzenden Geräuschen aneinander vertäut vor sich hin schaukeln. Neugier erwacht. Entspannung macht sich breit. Im Hotel werden wir mustergültig empfangen. Hier herrscht internationaler Standard. Die Rezeptionsdame bittet uns, die Wartezeit mit Kaffee und Keksen zu verkürzen. Deren Qualität ist begeisternd hoch. Allein als Gast wahrgenommen zu werden, ist nach einwöchig erzwungener Fremdkörperschaft wohltuend. Blitzsaubere Zimmer mit Ausblick auf den hochhausumsäumten Hafenabschnitt. Happy Hour von 18 bis 20 Uhr mit geistigen Basisgetränken und Fingerfood in der Lounge inklusive.
Raus in die stichige Schwüle. Der Fokussierung auf moderne Architektur müde, beginnt Bens Blick zu fliegen ob der Authentizität der Fischhallen. Die Klickrate seiner Kamera setzt zum Höhenflug an. Wasserwelten als Befreiungsschlag. Einstündige Hafenrundfahrt mit redseligem Steuermann. Sein Pidgin-English kreist hauptsächlich um Kostenfaktoren. Horrende Mietpreise, die bei Appartements von 40-60 m2 umgerechnet vier- bis sechstausend Euro betragen. Die jährliche Steigerungsrate beträgt zusätzlich satte 15 %. Sozialer Sprengstoff, so breitflächig hinterlegt, kann in wenigen Jahren nur explodieren. Zart singt die schwarzweiße Dajaldrossel im gelben Käfig zehntönige Skalen in immerwährenden Wiederholungen. Sie wird zum Abbild ihres Herrchens. Während wir an Luxusjachten und Dschunken, Wohnbooten vorbeischippern, wird Ben vom Work-Floh gebissen. Konturarme Hochhäuser von sozialistischer Schönheit bilden den Hintergrund, der die Urigkeit von Jollen mit sonnenabweisender Persenning, flaggenbewimpelten Fischtrawlern und heruntergekommenen Ruderbooten unterstreicht. Vorbei an der Prachtseite des Jumbo Floating Restaurant. Grellbunt die alten kaiserlich chinesischen Architekturelemente, kleine Pagoden und goldene Drachenfiguren. Mit 2000 Sitzplätzen das größte Restaurantschiff der Welt. Es diente in Spielfilmen mehrfach als Kulisse (James Bond „Der Mann mit dem goldenen Colt“). Rückseitig zeigt sich davon nichts mehr. Nackter Realismus armseliger Slumarchitektur löst den verspielten Manierismus der auffälligen Schauseite nach 180° übergangslos ab. Fragen zur Hygiene und Abfallentsorgung drängen sich bei diesem Anblick auf.
Am Kai viel Sehenswertes im Kleinen. Ausgenommene Fische, die an Bambusstangen der Größe nach zum Trocknen aushängen. Das Farbenspiel im Gegenlicht reicht von Türkis bis Bernsteinfarben, von Quittengelb bis Silber. Stocksteif und bretthart liegen andere auf Kunststoffplatten hingewürfelt zur Ansicht aus. Fischerboote mit alten Autoreifen als Fender. In ihnen meterhohe weiße, graue und blaue Eimer, deren obere Ränder wie mit dem Teppichmesser abgetrennt aussehen. In ihnen warten Meeresfrüchte auf ihre eigentliche Bestimmung. Ein Styroporbehälter fesselt unsere Aufmerksamkeit. Darin rutscht eine etwa 25 cm große Melonenschnecke einsam vor sich hin. Ihr braun-weißer Fuß zeichnet verantwortlich für ihren zweiten Namen: Zebraschnecke. Sie lebt in schlammigen Tiefen und ist dort nicht leicht aufzuspüren. In mehreren südostasiatischen Ländern wird sie als Delikatesse gehandelt. Das Gehäuse dieses Exemplars ähnelt einem mittelbraunen runden Holzfurnier, dessen Nahtstellen kurioserweise die gleiche chinesische Verarbeitungsqualität aufweisen, wie bereits in anderen Zusammenhängen weiter oben beschrieben. Neben seiner Verwendung als Behältnis für allerlei Kleinkörniges, ist die als Horn bei buddhistischen Riten in Myanmar wohl die interessanteste. Bewohner küstennaher Landstriche verwenden sie dort auch als Ascher. Selten findet man in ihnen sogar Perlen, deren Wert aufgrund des gänzlich anderen Kolorits in die Hunderttausende gehen kann. Perfekt runde, orangefarbene Perlen mit schimmernder Flammenstruktur gelten in der buddhistischen Philosophie als Symbol der Vollkommenheit, da sie keiner Bearbeitung oder Veredlung von Menschenhand mehr bedarf.
Eine ältere, verhutzelte Fischerin mit Reispflückerhut lädt uns zu einer Rundfahrt ein. Wir lehnen dankbar ab. Das Spiel wiederholt sich noch drei Mal. Wir flüchten - wegen der direkten Sonneneinstrahlung. Hungrig geht es durch Straßenschluchten. Dabei werden wir wahrhaft akrobatischer Leistungen ansichtig. An einer Hochhausfront aufgerichtet, wächst ein Gerüst aus Bambusstangen in die Höhe. Ohne Netz und doppelten Boden turnen drei Arbeiter durch die Gitterstruktur.
Zwanzig Schritte weiter, ein Geschäft. Kaltes Neonlicht bestrahlt Glasgefäße, die in Reih und Glied auf einer hölzernen Konsole mit Schubladen stehen. Was auf den ersten Blick wie eine Gewürzhandlung ausschaut, ist in Wahrheit eine Apotheke für Traditionelle Chinesische Medizin. Unterschiedlichste Ingredienzien werden da aufbewahrt. Von getrockneten Heilkräutern, Vitalpilzen, Rohdrogen und Granulate über Fertigprodukte, wie chinesische Kraftsuppen, Muskel- und Gelenkfluide bis hin zu getrockneten Hirschgeweihspitzen. Hier findet man „himmlische Gelassenheit“ neben „Harmonie des Herzens“ feilgeboten.
Aus gläserner Hausecke starren zwölf Augenpaare aus abgeschlagenen, braunmelierten Entenköpfen. In U-Form baumeln sie aufgereiht an einer Metallstange. Dicht darunter befindet sich die Richtstätte, ein runder Hauklotz mit dem nur notdürftig abgewischten Mordwerkzeug. Eine Aluminiumrinne mit zerhauenem Tierklein zeugt von einem wahren Gemetzel. Ist der steinerne Bottich dahinter mit Blut gefüllt? Entenbrüste und filetierte Stücke liegen auf einem Edelstahlblech aus. Alles in allem ein roher, makabrer Anblick.

Bambussplitter
Aus dem Tagebuch einer China-Reise (VII. Teil)
© Matthias Schneider-Dominco

 

Gesättigt von Stadtansichten soll uns eine Kurzexpedition auf die drittgrößte der Hongkong vorgelagerten Inseln führen und unseren Hunger nach Natur stillen. Lamma Island scheint geeignet. Da ein Hochhausappartement für Familien im Durchschnitt nur etwa 55 Quadratmeter misst, ist sie bei hiesigen Tagesausflüglern sehr beliebt. Die kleine Fähre, die wir gewählt haben, pflügt sich durch das türkisfarbene Wasser, vorbei am Bootsgewimmel und schwimmenden Inseln aus Plastikmüll. Über uns kreisen braune Fischadler. Müllfischer angeln mit großen Keschern nach dem bunten Dreck und ziehen ihn an Bord. Wir verlassen die Bucht, vorbei am zum Schutz vor taifungepeitschten Wellen aufgeschütteten Steinwall. Ein riesiger Containerfrachter der Yang Ming Line kreuzt unsere Fahrtrichtung. Wir geraten in seine Bugwellen, die trotz reduzierter Geschwindigkeit zwei Meter hoch werden. Sie bringen die kleine Barkasse ins Rollen. Unser Kapitän setzt kurz den Motor aus. Wind, Wellen, blaues Meer, eine subtropische Felseninsel in Sicht. Das Abenteuer kann beginnen.
Wir landen am Strand einer kleinen Siedlung namens Mo Tat Wan. Unsere totale Unwissenheit hinsichtlich Flora und Fauna öffnet Angstprojektionen Tür und Tor. Die Sinne spannen sich an, jedes Geräusch durchläuft mentale Filter, gleicht mit Bekanntem ab. Sphärenscann im Kopf. Schmetterlinge schenken uns kindliches Staunen. Schwarze Wespen mit orange-gelben Fleck patrouillieren in Bodennähe mit charakteristisch zackigen Richtungswechseln ganze Areale. Eine Einheimische kommt, trägt einen vertrockneten Ast mit sich. Wenig später holt sie uns ein. Wir fragen nach der Wespe. Durch ihre Gestik bestätigt sie, was wir bereits ahnten. Diese Art kann stechen. Sie nimmt ihren Stock und drückt unvermittelt das zarte Lebenslicht der Schwarzen aus.
Der befestigte Weg ist überwölbt von tief hängenden Ästen und Zweigen. Wir achten daher penibel auf Spinnennetze. Dem unfreiwilligen Kuss einer schwarzen Witwe oder anderen behaarten Gliederfüßern wollen wir uns auf jeden Fall rechtzeitig entziehen. Es dauert nicht lang und wir entdecken ein großes Exemplar einer Seidenspinne, die in ihrem Gespinst auf Beute wartet. Ihr hellgrauer schlanker Körper ist länglich, daran nicht allzu dünne Beine. Eine Nephila pilipes. Angeblich benutzen Philipinos die Netze der Riesenradnetzspinne zum Fischen, und schätzen die Tiere roh oder geröstet als Eiweißlieferanten. Die Giftigkeit ist für den Menschen harmlos. Tatsächlich ist ihr Gift toxikologisch dem der schwarzen Witwe ähnlich, aber lange nicht so stark. Sofern man nicht allergisch reagiert, ist der Biss für einen Menschen innerhalb 24 Stunden ohne große Behandlung erledigt. Wir wollen unsere arachnophob konditionierten Nerven nicht allzu stark strapazieren und gehen schnell weiter. Doch die Faszination obsiegt und ich will ein Foto wagen. Allein, mein Handy ist für die zwielichtigen Verhältnisse nicht geeignet, bildet das Ding zu klein ab, obwohl ich auf mutige 50 cm herangeschlichen bin. Von Jagdstrategien solcher Spinnen weiß ich nichts. Springt sie ihre Opfer an? Jogger und Radfahrer kommen vorbei. Dass sie sich mit entspannter Normalität bewegen, zeigt uns, nur wenige Gefahren werden zu erwarten sein.
Wir kommen an einem bescheidenen, grau verputzten, niedrigen Steinhaus vorbei. Es wird bewohnt von der Einheimischen, die uns vorhin todesmutig vor der Kampfwespe errettete. Dreimal kommt sie mit Schnüren von zweifacher Armeslänge heraus, an denen Limonenschalen aufgereiht sind und legt sie zum Trocknen in die Sonne. Kurzes Grüßen. Viele Fotos von Bananenstauden und wucherndem Grün, das hier und da Blicke in die sumpfige Umgebung zulässt.
Ein Weiler voller ruinöser Steinhütten. Alles eng gebaut, dunkle Ecken. Wie lange ist er verlassen? Jahrzehnte? Man kann sich täuschen. In diesem feuchten Klima kann alles wesentlich schneller gehen. Wunderschöne Ausblicke auf eine zauberhafte Bucht mit Strand. Eine schmuddelige, armselige Absteige für Wanderer lassen wir rechts liegen. An einem verschatteten Ausgang werkelt ein Eremit. Neugierigen Blicks kommt ein räudiger Hund auf uns zu. Hundebisse sollen häufig vorkommen! Vorsichtshalber verlängere ich die Stativbeine und verwandle sie kurzerhand in eine Abwehrwaffe. Als er dichter herankommt, zeigt sich sein abgemagerter, bemitleidenswerter Zustand. Gefahr geht von ihm eher weniger aus. Er trollt sich.
An der Strandpromenade kommen uns zwei Reisegruppen entgegen. Fast alle haben Kopfbedeckungen zum Schutz vor der stechenden Sonne. Freundliches Grüßen. Einer trägt einen Zweig mit kleinen orangenen Früchten, bricht einen noch kleineren davon ab und reicht ihn mir. Mit den Daumen drückt er eine Frucht entzwei und steckt den blaßgrauen Inhalt in den Mund. Gespielte Verzückung? Er geht weiter. Die Nachfolgenden machen uns lachend darauf aufmerksam, ihm nicht zu trauen. Wieder für uns, untersuchen wir die Frucht näher. In der geöffneten Schale, eine fein durchäderte alienartige Masse. Es fehlt nicht viel an Vorstellungskraft und – Moment, hat sich da nicht etwas bewegt?
Am Strand, Schmutzränder aus kleinen Plastikteilen. Schade, auch wenige Meter im Wasser: ein bunter Flickenteppich aus Müll. Es ist eine Frage des Blickwinkels. Aus dem Weitwinkel erscheint die Bucht als Motiv für Hochglanzmagazine geeignet, ein echter Touristenmagnet. Herangezoomt zeigt sich das wahre Gesicht, die hässliche Seite einer fatal sorglosen und ignoranten Haltung des Menschen. Gruppen von riesigen Findlingen in Ufernähe. Wir simulieren Urlaubsbilder. In der Verlandungs- und Grünzone zeigt sich das erschreckende Ausmaß der Verschmutzung. Eine Kloake an einer Wegkreuzung. Fahrzeuge schrotten und rosten in der Schwüle vor sich hin.
Der Bergaufstieg wird äußerst beschwerlich. Das Gewicht des Equipments lässt die Schritte verlangsamen. Die Belastung wird grenzwertig. Links erhebt sich neben dem hohen Hügel ein noch höherer. Darauf ein Pavillon in der Bauart alter Tempel, für Verschnaufpausen strategisch günstig mit Ausblicken auf Lantau Island und Cheung Chau, die in der Ferne liegen. Ein starker Wind weht hier, sorgt für die dringend benötigte Abkühlung. Wir legen uns auf die Steinbank. Eine Fünfergruppe kommt, inszeniert sich, verschwindet lautstark wieder, wie sie gekommen ist. Erschöpftes Nickerchen.
Durch dunklere, schattige Waldabschnitte, vorbei an Grabstätten, ganze Nekro-Villages führt uns der Abstieg. Die Atmosphäre verändert sich. Räucherstäbchenduft liegt in der Luft. Unbekannte Vogelrufe, die matt aus ihren versteckten Wipfeln klagen und in unseren hitzeerweichten Hirnen die Ahnung wachsen lassen, wie Vorstellungen von umherfliegenden, unerlösten Seelen aufkommen konnten. Eine Geisterinsel.
Unglaubliche hohe Bambusansammlungen. Plötzlich, die rettende Siedlung ist schon in Sichtweite, raschelt irgendetwas im Gebüsch. Es muss sehr schnell sein. Eine Schlange oder ein Reptil? Die größten der in Hongkong heimischen Schlangen messen immerhin sechs Meter. Acht der vierzehn heimischen Giftschlangenarten können Menschen töten. Der frühe Herbstanfang gilt als besonders gefährlich. Einzig beruhigend ist die Tatsache, dass Hongkong über ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem verfügt. Schlangenbissopfer werden im Durchschnitt schon nach 40 Minuten mit einem Serum behandelt. Der aktivste Beißer in Parks und Naturschutzgebieten ist die Bambusschlange. Sie wird bis zu 75 Zentimeter lang. Untersuchungen zufolge ist sie wählerisch, denn Opfer sind fast immer Männer. Und besonders oft gebissen werden deren linke Beine und Hände. Die Bambusschlange Trimeresurus Stejnegeri wurde von dem Deutsch-Amerikaner Karl Patterson Schmidt, dem bedeutendsten Herpetologen des 20. Jahrhunderts, entdeckt. Unser armer Landsmann erlag im Gegensatz zu den meisten Hongkongern, die gebissen werden, an den Folgen einer Schlangenattacke. Ben klatscht mehrfach in die Hände, ruft laut. Meine Finger umkrallen das Stativ, bereit zum Zuschlagen. Doch es passiert nichts weiter. Aufatmen.
Der Pfad endet in Sok Kwu Wan. Ein 150 Jahre alter Tin Hau Tempel verkriecht sich am Hang. Wir laufen durch die überdachte Meile mit einem Dutzend Restaurants. Alle stellen ihre Meeresfrüchte in Glaskästen und Aquarien aus. Von gelben Kofferfischen, blauen Krebsen, über Langusten und Muscheln bis hin zu Seegurken ist alles zu stolzen Preisen zu haben. Das an norddeutsche Verhältnisse gewöhnte Auge kann diese erschlagende Vielfalt nur mit dem abgewetzten Begriff exotisch mäßig umschreiben. Riesige Garnelen mit langen Beinen versuchen verzweifelt, ihren gläsernen Gefängnissen zu entkommen. Der Exitus im kochenden Wasser ist das ihnen beschiedene Schicksal.
Wir entscheiden uns angesichts des Preisniveaus für ein isotonisches Kaltgetränk (Tsingtao Bier in Dosenform) und ein Eis. Vom Pier aus ergibt sich ein Bildausschnitt mit Sogwirkung. Viele Fotos und eine Skizze entstehen.

Schneider-Dominco, Matthias

 

epoche F

 

Meisterkurs mit dem Ensemble Modern für ­Bundespreisträger "Jugend musiziert" in Göttingen


Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 5/2009, Seite 38

 

 

 

Freitag, 15.Oktober 2004
Samstag, 16. Oktober 2004
20.00 Uhr, Kölner Philharmonie