Konzertrezensionen

 

Sein Klavierkonzert in der Jakobikirche sollte man nicht verpassen.

 

 

Mit Alexander Melnikov gastiert am Donnerstag, den 14. Dezember ein pianistischer Überflieger und ganz Großer seiner Zunft in Lippstadt. Auf dem Programm Robert Schumanns Sinfonische Etüden op. 13, die 7 Fantasien op. 116 von Johannes Brahms sowie eine Auswahl aus Präludien und Fugen op. 87 von Dmitrij Schostakowitsch.

Alexander Melnikov absolvierte sein Studium am Moskauer Konservatorium bei Lev Naumov. Zu seinen musikalisch prägendsten Erlebnissen zählen die Begegnungen mit Svjatoslav Richter, der ihn regelmäßig zu seinen Festivals in Russland und Frankreich einlud. Er ist Preisträger bedeutender Wettbewerbe wie dem Internationalen Robert-Schumann-Wettbewerb (1989) und dem Concours Musical Reine Elisabeth in Brüssel ...

 

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Göttinger Reihe Historischer Musik Engelsgleiche Stimme und ein vereinsamtes Solo

 

Göttingen.  Mit Händels Ode „Eternal source“ (HWV 74), engelsgleich gesungen von der attraktiven Julia Kirchner und flankiert von aller Erdenschwere entronnenen Trompetenklängen, waren dem Ensemble um Moritz Görg (Barocktrompete), Anne Kaun (Violine), Felix Görg (Violone) und Bernadett Mészáros (Cembalo) die Sympathien des Publikums sicher.

Zudem kam dem Dialog von Sopran und Trompete, der in seinem weichen, subtil melancholischen Ansatz zugleich Verletzlichkeit offenbarte, ein jahreszeitlich bedingter Bonus zu Gute. Doch stimmte eben nicht nur die Optik. Auf die viel beschworenen inneren Werte kommt es ja bekanntlich an.

 

Und auch da überzeugte das Michaelis Consort auf ganzer Linie in seiner Fokussierung auf den Aspekt des Dialogisierens und das Thema „Eifersucht“. Zur staunenswerten Darstellung dieses Affekts in all seinen Schattierungen boten die Gesangsstücke aus der Feder von Händel, Krieger, C.P.E Bach und Telemann hinreichend Gelegenheit.

Julia Kirchner faszinierte dabei durch blitzsaubere Phrasierungen, mimische Ungezwungenheit und  fein zerstäubende Piani. Ihre wohltimbrierte Stimme hat einen festen Kern, klingt aber nie hart, füllt den Raum mühelos bis in den letzten Winkel. Aus diesem erklang – wiederum ein gelungener Kunstgriff –  Stanley Friedmans „Solus“, ein vereinsamtes Trompeten-Solo, das in seiner Verzweiflung an den existentiellen Kern rührte. Virtuose Solobeiträge von Anne Kaun und Bernadett Mészáros rundeten das überzeugende Gesamtbild ab. Um eine zweite Zugabe kam das Ensemble nicht herum.

Von Matthias Schneider-Dominco

Artikel veröffentlicht: Freitag, 16.12.2011 19:38 Uhr

Spektrum zwischen Rustikalität und Erhabenheit

 

Max Reger hat es selbst prognostiziert: „Meine Zeit wird kommen“. Lange war sein umfangreiches Werk in den Konzertsälen eher unterrepräsentiert. Auch das fast einstündige Violinkonzert op. 101 aus den Jahren 1907/08 wurde wegen seiner „Überladenheit“ stets heftig kritisiert und schaffte trotz namhafter Fürsprecher nie den Sprung ins Repertoire.

Das könnte sich mit der europäischen Erstaufführung der neu orchestrierten Fassung von Adolf Busch (1938) ändern, die auf maßgebliches Betreiben Christoph-Mathias Muellers in der Stadthalle zustande kam. In Kooperation mit dem Max-Reger-Institut Karlsruhe mussten hierzu eigens aus dem Manuskript Partitur und Stimmenmaterial erstellt werden –  ein Mehraufwand, der jedoch die Basis für eine repertoiregeschichtliche Großtat legte. Im Vergleich zur Originalfassung wurde hier durch gezielte Schnitte in der wuchernden Orchestrierung eine äußerst vorteilhafte Transparenz erreicht, die stellenweise sogar an Mendelssohnsche Duftigkeit heranreicht. 

Mit Kolja Lessing hatte das an melodischer Üppigkeit schier überquellende Konzert einen zutiefst seriösen Fürsprecher. An virtuosem, gar reißerischem Gebaren lag dem als Geiger und Pianist gleichrangig tätigen Ausnahmekünstler nichts. Sein großer sonorer Ton strahlte durch alle Register, blieb selbst im feinsten pianissimo höchst intensiv und bei aller Innigkeit stets kontrolliert und beherrscht. Solist und Dirigent  verloren auch im dichtesten hyperpolyphonen Dickicht nicht die konzeptionelle Übersicht, führten zu traumhaft lyrischen Lichtungen und rissen das Publikum der sehr gut besuchten Stadthalle schließlich zu Beifallsstürmen hin.

Fast samtener Klang

Joseph Haydns 103. Sinfonie („Mit dem Paukenwirbel“) hatte schon in der ersten Konzerthälfte dem Göttinger Sinfonie-Orchester Gelegenheit zur Selbstdarstellung gegeben. Mueller setzte von Anbeginn auf einen durchsichtigen und dennoch warmen, fast samtenen Orchesterklang, kostete das breite Spektrum zwischen Rustikalität und Erhabenheit voll aus und trieb der Sinfonie alle altväterliche Behäbigkeit aus. Ein kolossaler Abend.

Von Matthias Schneider-Dominco

Zum Sturm geblasen auf alte Bastionen

 

Es war wie eine Attacke, ohne Vorwarnung. Gleich zu Beginn in Georg Friedrich Händels F-Dur Sonate (HWV 405) blies die „I flauti virtuosi“-Truppe – Daniel Koschitzki und Andrea Ritter (Blockflöten), Michael Spengler (Gambe) und Ricardo Magnus (Cembalo) – an authentischer Stätte im Rittersaal der Burg Adelebsen zum Sturm auf alte Bastionen.

Auch Bach und Telemann – bloß altväterliche Vertreter eines langatmigen, drög-barocken Tonsatzes? Von wegen! Die vier Musiker wischten das staubige Vorurteil vom verzopften Intellektualismus mit großer Geste einfach weg. Da wurde jung und energisch auf die Partituren losgegangen. Zwar kennzeichnet Leidenschaftlichkeit und Frische die Interpretationskunst auch manch anderer Ensembles, diesen Intensitätsdruck können hingegen nicht viele aufbauen.

Geradezu atemberaubend ist die Virtuosität des Ritter-Verbunds, mit der, flankiert von expressivstem Körpereinsatz, selbst starke Verschanzungen in Form wehrhafter Sechzehntelketten in Diogenio Bigaglias a-Moll Sonata oder Charles Dieuparts F- Dur Suite mühelos überwunden wurden.

Die Dauer-Emphase beider Konzerthälften spielte die Zuhörer nahezu an die Wand. Da war es ein strategisch richtiger Schachzug, mit Händels „Lascia ch’io pianga“ eine kurze Verschnaufpause einzuräumen.

Doch die Erholung währte nur kurz. In Telemanns abschließender „Frauensonate“ beruhigten sich die Kämpfe in den Eingangssätzen nur vordergründig. Furios und mit glühender Intensität traten die thematisierten Frauengestalten Xantippe, Lucretia, Corinna, Clelia und Dido nahezu plastisch aus den kontrapunktisch engen Räumen heraus und konnten so den Händen des „Getreuen Musikmeisters“ letztlich entrissen werden.

Den Gipfelsturm der Helden kann jedenfalls nichts aufhalten. Andere mögen moderatere Interpretationsauffassungen haben. Aber eines ist klar: Was dieses Ensemble anpacken wird – langweilig wird es nie werden. Und hier die Waffen zu strecken bedeutet gewinnen.

Von Matthias Schneider-Dominco

REVIEW

Joy of Discovery

International Handel Festival, Göttingen

 


 

Göttinger Tageblatt, May 2009

 

by Matthias Schneider-Dominco

GÖTTINGEN.

 

It is the dream of every musicologist to discover important musical manuscripts in attics or on long-forgotten miles of shelves. So it happened in June 1999, when Harvard professor Christoph Wolff rediscovered the music archive of the Berlin Sing-Akademie in Kiev that went missing during the Second World War. Among it resided the bequest of Sara Levy (1761-1854), patroness, harpsichordist and great aunt of Felix Mendelssohn-Bartholdy, who strongly influenced local musical life in her Berlin Salon and by granting composition commissions. Now this inventory is being made accessible once again for performance.

 

The ensemble Tempesta di Mare from Philadelphia demonstrated how wonderful such dusted-off scores can sound to a sold-out audience in the Muthaus at Burg Hardegsen. One experienced the European modern premiere of Johann Gottlieb Janitsch’s (1708-1763) Sonata da Camera Op. 6 for flute, violin, viola and basso continuo. From the onset the crisp-playing musicians whisked away any preconceptions that the eighteenth century can only offer dry-sounding sonata fodder on which only moths would be happy to feed. Instead there was the joy of discovery, even though the qualitative difference to the following Trio Sonata in F by Georg Frideric Handel was easily heard.

 

Masterfully shaped
Gwyn Roberts (flute), Emlyn Ngai (violin), Karina Fox (violin, viola) Eve Miller (cello), Richard Stone (theorbo) and Adam Pearl (harpsichord) set a highlight here through their tight ensemble playing, technical virtuosity and interpretively lucid music making. The American ensemble also demonstrated their masterful creative will in the refined works by Wilhem Friedemann Bach, Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Joachim Quantz that followed.

 

translation: Ulrike Shapiro

 

Schneider-Dominco, Matthias

 

epoche F

 

Meisterkurs mit dem Ensemble Modern für ­Bundespreisträger "Jugend musiziert" in Göttingen

Rubrik: Bericht, erschienen in: üben & musizieren 5/2009, Seite 38 

  

Epoche-f-Meisterkurs in Göttingen Dozenten des Ensembles Modern proben mit Preisträgern des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ Seit Mittwoch nehmen 19 Preisträger des diesjährigen Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ in Göttingen am Meisterkurs des Ensembles Modern teil, der im Theodor-Heuss-Gymnasium durchgeführt wird. Am Sonntag werden die Arbeitsergebnisse im Rahmen eines Galakonzerts präsentiert.

„Können wir das mal singen? Bapbaa-gedigedaaa“, rhythmisiert Probenleiter Sava Stoianov den Studenten vor. Das Stück hat es in sich. Harrison Birtwistles vertrackte Komposition „Cortège“ für 14 Instrumentalisten verlangt zudem die Einbeziehung des Raumes. Aus dem in einem Halbkreis aufgestellten Ensemble treten die Musiker nacheinander und in festgelegter Folge heraus, um jeweils eigene Soli zu spielen und sich dann wieder in das Kollektiv einzureihen. Was es mit der ungewöhnlichen Aktion auf sich hat, wird erst nach der Durchspielprobe verraten. Birtwistle schrieb diese musikalische Zeremonie 1990 anlässlich des Todes des künstlerischen Leiters der London Sinfonietta. Nun ist allen klar: die Nähe zum Begräbnisritual, bei dem Trauernde einzeln an ein Grab vortreten, ist unverkennbar.

„Das hat was Dunkles, aber nichts Melancholisches. Die Soli bleiben individuell. Aber so ,wie ihr das gespielt habt – etwas distanzierter – ist es echt super! Ihr bedient nicht einfach die Attitüde „Trauermusik“. Auch Dozent Rainer Römer zeigt sich beeindruckt von der professionellen Leistung der Nachwuchstalente. Am Abend probt Cellist Michael Kasper ein Streichquartett von Nikos Skalkottas. „Bitte voller Panik Takt 11 spielen.“ „Fang diese Synkope auf’m Kopp an.“ Kasper trifft die Sprache der Jugendlichen. Es geht um rhythmische Summen, col legno-Techniken und vor allem die richtige innere Haltung, um die dem Stück eigene nervös treibende Unruhe darzustellen. Für Uta Mittler, Initiatorin der Jugend musiziert Stiftung Niedersachsen, ist der Kursverlauf ein voller Erfolg. „Die Dozenten faszinieren die jungen Leute und die sind dann bereit, in diese Klangwelt einzusteigen“. Eine kleine Sensation sei es, dass am Sonntag Solisten des Ensembles Modern zusammen mit den Preisträgern das Abschlusskonzert bestreiten werden.

Matthias Schneider-Dominco

Meister von morgen mit Meistern von heute

 

19 Preisträger des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ haben vier Tage lang im Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium intensiv mit vier Dozenten der „Internationalen Akademie Ensemble Modern“ (IAEM) zusammengearbeitet. Am Sonntag, 30. August, haben sie gemeinsam mit dem Ensemble die Ergebnisse dieses Meisterkurses in der Universitätsaula präsentiert.

Die Neue Musik hat sich in Deutschland im Laufe der letzten Jahrzehnte mit einer gewissen Selbstverständlichkeit etabliert – von Donaueschingen und Darmstadt bis hinauf nach Kiel. Auch in Göttingen wird mit „epoche F“ seit letztem Jahr an einem kulturellen Leuchtturm gearbeitet, um hochtalentierte Nachwuchskünstler an die Avantgarde heranzuführen. Die Ergebnisse des Meisterkurses vom 26. bis 30. August mit dem „Ensemble Modern“ – unterstützt unter anderem von der Sparkasse Göttingen, der Sparkassenstiftung und der Susanne und Gerd Litfin-Stiftung – wurden am Sonntagabend in einem knapp vierstündigen Abschlusskonzert präsentiert.

Der Zuspruch aus nahezu ausverkauften Reihen zeigte, dass die aufgeführten Werke von Birtwistle, Huber, Hillborg, Ligeti, Sharon und Boulez offensichtlich nicht mehr nur von einem eingeschworenen Nischenpublikum goutiert werden. Auch Hörer, die nach eigener Aussage sonst keine Affinität zur Moderne besitzen, zeigten sich begeistert ob der erstaunlichen Professionalität der Kursteilnehmer nach so kurzer Vorbereitungszeit.

Ohne die zweifelsohne hochkarätigen Einzelleistungen der 15 anderen Teilnehmer schmälern zu wollen, ragte doch die Darstellung von Nikos Skalkottas Skizzen für Streichquartett durch Leonie Pahlke und Joosten Ellée (Violinen), Sander Stuart (Viola) und Victoria Constien (Cello) heraus. Angespannte Stille im Publikum. Hatte man da eben die Geburtsstunde einer neuen Spitzen-Nachwuchsformation miterlebt?
Paul Hindemiths dritte Kammermusik für Solo-Cello und Ensemble markierte den Auftakt zum zweiten Programmteil, der allein vom „Ensemble Modern“ unter der souveränen Leitung von Johannes Kalitzke bestritten wurde. Wunderbar vital entfaltet Solist Michael M. Kasper die expressive Lineatur, ganz entspannt, fast hingewischt und wie vom Holze befreit.

Furioses Feuerwerk

Rainer Römer brannte darauf mit „Rebonds B“ von Iannis Xenakis gleichsam zehnhändig zwischen Trommeln und Holzblöcken wirbelnd ein wahrhaft furioses Schlagzeug-Feuerwerk ab. Pascal Dusapins Partitur zur Aria für Klarinette fordert radikal die Erforschung akustischer Grenzregionen und weist stellenweise gellende Tinnitus-Qualitäten auf. Dennoch: Nina Janssens fesselnder Vortrag der Klangorgie bestach.

Ähnlich packenden Zugriff erfuhr Ligetis „Mysteries of the Macabre“ für Trompete und Ensemble. Groteske Momente verdichten sich in dieser nur zehnminütigen Adaption der gleichnamigen „Anti-Anti-Oper“. Aber der Eindruck, den Trompeter Sava Stoianov hinterlässt, ist nachhaltig – und zwerchfellreizend.
Für fünf Sätze aus Hindemiths Tanzpantomime „Der Dämon“ vereinte sich der Nachwuchs im Finale mit einzelnen Ensemblemitgliedern in verblüffendem Werkverständnis und mit staunenswert ebenbürtiger Meisterschaft.

Tosender Applaus am Ende für ein Konzert, das mindestens so sehr gemeinsames Musizieren sein wollte wie Leistungsschau. Das Meister-Schüler-Konzept ging auf.

Von Matthias Schneider-Dominco

Professionelle Leistung junger Nachwuchskünstler

 

Seit Mittwoch, 26. August, nehmen 19 Preisträger des diesjährigen Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ in Göttingen am Meisterkurs des Ensembles Modern teil, der im Theodor-Heuss-Gymnasium durchgeführt wird. Am Sonntag werden die Arbeitsergebnisse im Rahmen eines Galakonzerts präsentiert.

 

Können wir das mal singen? Bapbaa-gedigedaaa“, rhythmisiert Probenleiter Sava Stoianov den Studenten vor. Das Stück hat es in sich. Harrison Birtwistles vertrackte Komposition „Cortège“ für 14 Instrumentalisten verlangt zudem die Einbeziehung des Raumes. Aus dem in einem Halbkreis aufgestellten Ensemble treten die Musiker nacheinander und in festgelegter Folge heraus, um jeweils eigene Soli zu spielen und sich dann wieder in das Kollektiv einzureihen. Was es mit der Aktion auf sich hat, wird aber erst nach der Durchspielprobe verraten.

 

Birtwistle schrieb diese musikalische Zeremonie 1990 anlässlich des Todes des künstlerischen Leiters der London Sinfonietta. Nun ist allen klar: die Nähe zum Begräbnisritual, bei dem Trauernde einzeln an ein Grab vortreten, ist unverkennbar. „Das hat was Dunkles, aber nichts Melancholisches. Die Soli bleiben individuell. Aber so wie ihr das gespielt habt – etwas distanzierter – ist es echt super! Ihr bedient nicht einfach die Attitüde „Trauermusik“. Auch Dozent Rainer Römer zeigt sich beeindruckt von der professionellen Leistung der Nachwuchstalente.

 

Am Abend probt Cellist Michael Kasper ein Streichquartett von Nikos Skalkottas. „Bitte voller Panik Takt 11 spielen.“ „Fang diese Synkope auf’m Kopp an.“ Kasper trifft die Sprache der Jugendlichen. Es geht um rhythmische Summen, col legno-Techniken und die richtige innere Haltung, um die dem Stück eigene nervös treibende Unruhe darzustellen.

 

Für Uta Mittler, Initiatorin der Jugend musiziert Stiftung Niedersachsen, ist der Kursverlauf ein voller Erfolg. „Die Dozenten faszinieren die jungen Leute und die sind dann bereit, in diese Klangwelt einzusteigen“. Eine kleine Sensation sei es, dass am Sonntag Solisten des Ensembles Modern zusammen mit den Preisträgern das Abschlusskonzert bestreiten werden.

 

Das Konzert am Sonntag, 30. August, beginnt um 19 Uhr in der Aula der Universität Göttingen, Wilhelmsplatz 1.

Von Matthias Schneider-Dominco

Guarneri-Trio aus Prag in der Aula der Göttinger Universität

 

Mit einem Sonderkonzert hat die Göttinger Kammermusik-Gesellschaft die neue Konzertsaison eröffnet. In der Aula der Universität gastierte das Guarneri-Trio aus Prag.

Franz Schubert gilt schon lange nicht mehr als Inbegriff einer biedermeierlichen Beschaulichkeit. Seine Musik hat durch die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts ein völlig anderes Verständnis erhalten. Vor allem im Spätwerk zeigen sich Momente einer untergründigen existentiellen Verunsicherung, die man durchaus als erstaunlichen Vorgriff auf die Befindlichkeiten des modernen Menschen deuten kann.

 Tiefe Einblicke in diese Vielschichtigkeit bot im Rahmen der Aulakonzerte das Guarneri Trio Prag mit seiner meisterhaften Darstellung des Gesamtwerks für Klaviertrio. Seit dem Gründungsjahr 1986 arbeiten Ivan Klánský (Klavier), Čeněk Pavlík (Violine) und Marek Jerie (Violoncello) nunmehr zusammen und zählen längst zu den weltweit führenden Ensembles, deren hohe technische Virtuosität von der internationalen Musikpresse immer hervorgehoben wird.

Feine Schattierungen

Tatsächlich vermögen sie Schuberts „strömende Klangrede“ im eröffnenden Notturno Es-Dur op. 148 (D 897) mit einer Bandbreite an Ausdrucksqualitäten darzustellen, die nur wenige anzubieten haben. Auch das erste Trio B-Dur op. 99 (D 898) wird bewusst und überlegt gestaltet; da gibt es keinen beiläufig hingeworfenen Ton. Alles hat Innigkeit, Zwischentöne und feine Schattierungen in der Tongebung. Jedes Detail scheint interpretatorisch und agogisch bis ins letzte abgestimmt und ausgeformt. Schuberts abschließendes Es-Dur-Trio op. 100 (D 929), ein monumentales Werk mit unendlich vielen Einfällen, gerät nicht einmal ansatzweise in die Gefahr zu einem bloßen Potpourri zu zerfallen. Dem Guarneri Trio Prag gelingt der große Wurf, Robert Schumanns poetisches Bonmot von den „himmlischen Längen“, die man auch in diesem Finalsatz ausmachen kann, zu begreifen und zu genießen. Welch ergreifende Innenschau.

Von Matthias Schneider-Dominco

Hochkarätige Klavier- und Kammermusik an zwei Abenden

 

Zwei Abende lang war der Gräfliche Landsitz Hardenberg zum Konzertsaal umfunktioniert: beim ersten „Musikfest auf dem Hardenberg“, das diesmal der Klavier- und Kammermusik gewidmet war.

 

Nur ausgediente Eichenfässer, von Kerzen in bernsteinfarbenes Licht getaucht, erinnern daran, dass hier einst weingeistige Destillate mit ihren Aromen den Raum erfüllten. Zwei unterhalb der Decke aufgeschichtete Reihen, nun zum Dekor aufgestiegen, bilden den stimmungsvollen Hintergrund für das Debüt des „1. Musikfests auf dem Hardenberg“. Über erstaunlich gute akustische Qualitäten verfügt das von Kupferkesseln entkernte Atrium der Brennerei.

 

Bereits vor zwei Jahren begeisterte diese einzigartige Atmosphäre das Klavierduo „Ge­nova & Dimiitrov“ anlässlich einer Charity-Gala derart, das recht schnell der Plan reifte, hier ein neues Festival zu organisieren. Beide übernahmen die künstlerische Leitung und präsentierten an zwei Abenden so illustre Künstlerpersönlichkeiten wie die Star-Pianisten Denys Proshayev und Markus Becker sowie das Szymanowski Quartet.

 

Moderiert vom rhetorisch versierten Peter Apel markierte das Programm „Kaleidoscope“ des international renommierten Klavierduos mit Werken von Mozart, Liszt und Gershwin am Freitagabend den Auftakt. Wahrhaft berauschend gelang Liszts „Réminiscences de Don Juan“, das klang, als hätte man oben Mozarts „Reich mir die Hand“-Melodien und Champagnerarien hineingeschüttet und unten Liszt herausbekommen: perlender als das Original, prickelnd artistisch, aber auch ein bisschen „brut“. Höhepunkt des zweiten Teils war Proshayevs Deutung der Schubertschen a-Moll-Sonate (D 784) als abgründiges Psychogramm, zwischen Introspektion mit sehnsuchtsvollem Blick auf verpasste Lebensträume und rauer Wirklichkeit schwankend.

Markus Becker und das Szymanowski Quartet boten am zweiten Abend ein reines Mozart-Programm der Spitzenklasse. Egal in welcher Kombination, ob Duos, Trio oder Quartett, es ergab sich ein lebendiger geistreich-musikalischer Diskurs auf höchstem Niveau.

 

Schwebende Reinheit

 

Mozarts Musik schien, aller Erdenschwere des Produktionsprozesses enthoben, in ihrer Reinheit geradezu zu schweben – was freilich nicht heißt, es fehle ihr an Gewicht. Im Gegenteil, für die Künstler hieß das, höchstes Können umzusetzen in jene Klangwirklichkeit, in der auch ernsteste Musik fliegen kann.

 

Gespannt sein darf man auf eine Fortsetzung des Musikfestes im nächsten Jahr. Dann womöglich mit größerer Repertoirebreite und weiteren Künstlern von internationalem ­Format.

Von Matthias Schneider-Dominco

Göttingen Januar 2007

Freuden des Entdeckers

Der erste Schnee in Göttingen – beste Rahmenbedingungen also für einen Klavierabend am Kamin im Goethe-Institut. Zwar blieb das buchstäbliche Feuer (leider) aus, für knisternde Spannung sorgte dennoch Gerrit Zitterbart auf einem Hammerflügel (Kopie nach Anton Walter 1795).

Der Göttinger Pianist wischte dabei das staubige Vorurteil beiseite, das 18. Jahrhundert halte nur Sonaten-Trockenfutter bereit, in dem sich allemal noch Motten wohl fühlen. Zitterbart versteht es, sein Insider-Wissen in leicht verdaulichen Häppchen zu vermitteln ohne dabei zu dozieren.
Entsprechend ist das Hörbild. Sein Spiel klingt nicht so, als zerrte die gesamte Wissenslast der Musikgeschichte an den armen dünnen Notenhälsen. Leicht und duftig kommt Christian Bachs D-Dur op. 5/2 Sonate daher. Eine Göttinger Erstaufführung erlebte darauf die originelle Sonate D-Dur des Bruders Johann Christoph Friedrich Bach, dessen Werk immer noch zu großen Teilen in den Archiven schlummert und der Entdeckung harrt. Mit Hinweisen auf instrumentenbauliche Details erhellte Zitterbart die spezifische Schreibweise des Mozart-Zeitgenossen Muzio Clementi, den viele wohl nur als Verfasser harmloser Etüden kennen. Doch sei die g-Moll Sonate op. 7/3 beileibe „kein Kinderkram, sondern ernsthafte, große Musik“. Tatsächlich ist hier schon eine Vorahnung der Romantik auszumachen – stellenweise müsste man wegen der dunklen Bässe wohl eher von einem Vorbeben sprechen. In zukünftige Ausdrucksregionen wiesen auch Haydns düstere f-Moll-Variationen von 1794. Zitterbart hob vor allem die experimentelle Seite des Werkes hervor. Den inspirierten Tastenvirtuosen konnte er schließlich mit Johann Nepomuk Hummels Sonate f-Moll op. 20 herauskehren, die mit einem fast orchestral anmutenden, rauschenden Final-Presto auftrumpft. Viel Applaus aus voll besetzten Reihen, für den sich Zitterbart mit C. P. E. Bachs Solfeggietto in weltrekordverdächtigem Tempo bedankte.

Göttinger Tageblatt, Matthias Schneider-Dominco

Es war wie eine Attacke, ohne Vorwarnung. Gleich zu Beginn in Mendelssohns c-Moll-Trio op. 66 blies die Panufnik-Truppe – Artur Pacewicz (Klavier), Pawel Zuzanski (Violine) und Mateusz Kwiatkowski (Violoncello) – zum Sturm auf alte Bastionen. Mendelssohn – der Vertreter eines geglätteten, nobel distanzierten romantischen Klassizismus? Von wegen! Die drei jungen polnischen Musiker wischten das staubige Klischee von biedermeierlicher Beschaulichkeit mit großer Geste einfach weg. Da wurde jung und leidenschaftlich durch die Partitur gestürmt. Mehr noch: die Grenzen des Kammermusikalischen wurden gesprengt. Das Trio geriet zu einem spätromantischen Tripelkonzert ohne Orchester.

 

Schwere musikalische Kost wurde mit Schostakowitschs erschütterndem 2. Trio e-Moll op. 67 (1944) serviert. Es ist ein musikalisches Grabdenkmal. „Ich würde gern für jeden Umgekommenen ein Stück schreiben. Doch das ist unmöglich. Darum widme ich ihnen allen meine gesamte Musik“, bemerkte Schostakowitsch in seinen Memoiren. Der überbordende Ideenreichtum dieser düsteren Musik ist für Interpret und Publikum gleichermaßen anspruchsvoll. Verzweifelt aufbegehrende Gesten meisterten das Trio mit resolutem Zugriff, die rhythmische  Präzision hatte gnadenlosen militärischen Drill. Die Dauer-Emphase der ersten Konzerthälfte spielte die Zuhörer geradezu an die Wand, forderte emotionale Mitarbeit der Extraklasse.

Doch die Erholung währte nur kurz. In Brahms abschließendem Trio H-Dur op. 8 beruhigten sich die Kämpfe nur vordergründig. Trotz etwas zurückgenommener Expressivität spielten die drei Virtuosen stets spannungsgeladen. Das Werk  gehört sicherlich zum Schönsten, was je für diese Besetzung komponiert wurde. Vor allem, wenn es mit solch glühender Intensität gespielt wird.

Den Gipfelsturm der Panufniks kann jedenfalls nichts bremsen. Man mag andere Interpretationsauffassungen haben. Aber eines ist klar: Was dieses Ensemble anpacken wird – langweilig wird es nie werden.

Göttinger Tagesblatt, 18.03.06, Matthias Schneider-Dominco

 

Freitag, 15.Oktober 2004 Samstag,

16. Oktober 2004 20.00 Uhr

Kölner Philharmonie 

 

Alexander Markovich, Klavier

WDR-Sinfonieorchester Köln

Leitung: Neeme Järvi

 

Programmtext: 
Franz Xaver Scharwenka (1850-1924)

Konzert Nr. 4 f-moll für Klavier und Orchester op. 82 (ScharWV 128)

 

Scharwenkas Klavierwerk nun auf CD

5.03.1998 Beitrag für die Braunschweiger Nachrichten sowie Goslarsche Zeitung