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TAMBORA und das Jahr ohne Sommer

Will man ein Buch über einen Vulkanausbruch lesen?“ fragt der renommierte Kulturhistoriker Wolfgang Behringer als Einstieg seines 398 Seiten umfassenden neuen Buches.

Man sollte es, auch wenn man kein Geologe ist. Man braucht es auch nicht zu sein. Denn es geht weniger um gesteinswissenschaftliche Abhandlungen und pyroklastische Ströme, als um die vom Ausbruch ausgelöste Klimakatastrophe und deren gesellschaftlichen und kulturellen Folgen. Auch wenn der Blick in die Vergangenheit gerichtet wird, in die Jahre 1815-1820 also, so meint man ein mögliches Zukunftsszenario vor Augen geführt zu bekommen.
Die Explosion des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 war die gewaltigste, seit es Menschen auf der Erde gibt. Sie war mehrere Tausend Kilometer weit zu hören. Lava- und pyroklastische Ströme, Tsunamis töteten unzählbare Menschenmassen in der Region. Es folgten Wirbelwinde, Ascheniederschlag und saurer Regen. Aschewolken türmten sich in eine sagenhafte Höhe von 45 Kilometern, Höhenwinde verteilten Gas- und Schwebepartikel weltweit. Hochgeschleuderte Aerosole verminderten die Sonneneinstrahlung und führten zu einer globalen Abkühlung. Der folgende Winter 1815/16 wurde der kälteste des Jahrtausends, der nachfolgende Sommer fiel in vielen Ländern schichtweg aus. Als Folge der einsetzenden Hungerkatastrophen setzten Seuchen der ausgemergelten Bevölkerung zu und forderten weitere Tausende von Menschenleben. Massenhafte Flüchtlingsströme verschärften soziale Probleme an Brennpunkten. Demonstrationen, Aufstände und Selbstmordattentate traten als weitere Symptome auf. Die europäischen Staaten und Amerika reagierten unterschiedlich auf die plötzlichen Veränderungen. Und um diese Bewältigungsmechanismen geht es Behringer in der Hauptsache.
Hatte man bislang die Epoche der Restauration einfach aus politischen und militärischen Vorgängen hergeleitet, bekommt der interessierte Leser nun eine völlig schlüssige Gesamtüberschau an die Hand. Es ist wie ein Aha-Erlebnis. Den Zeitgenossen war seinerzeit nicht möglich, einen Zusammenhang zwischen Vulkanausbruch und Klimaveränderung zu sehen. Das aber gelingt Behringer auch für den historischen Laien auf verblüffende, an manchen Stellen auch atemberaubende Weise. Man reibt sich tatsächlich die Augen. Es ist auch eine Abrechnung mit der traditionellen Geschichtsschreibung einer Epoche, die bislang zu sehr einzig auf Reformen und Friedensschlüssen fokussiert war. Endlich ist der Blick geweitet.
Auch sprachlich hat Behringer eine rein aschgrau-akademische Abhandlung weit hinter sich gelassen, will er doch möglichst viele mit den neuen Erkenntnissen erreichen. Natürlich gibt es manche faktenunterfütterte Passagen, die den Laien tendenziell überfordern. Aber wenn das Ziel die radikale Neuausrichtung des Blicks auf eine wichtige Geschichtsepoche lautet, sind diese im Sinne einer Absicherung der These auch unverzichtbar. Zu spannend bleibt die souveräne Gesamtschau, das schlüssige Herleiten der vielen globalen Einzelphänomene auf den katastrophischen Impuls. Ein großer Wurf.
Und heute? Wir reden über den menschengemachten Klimawandel. Braucht es da überhaupt noch einen Vulkanausbruch oder schaffen wir das gut 200 Jahre nach Tambora mittlerweile auch alleine?

 

Matthias Schneider-Dominco

 

(Werbekennzeichnung nach dem §§ 2 Nr. 5 TMG (Telemediengesetz) ff)

 

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