· 

»Saisonabsch(l)uss«

Andreas A. Reichelt hat sich unglaublich schnell in die Riege arrivierter Autoren eingereiht, die trotz regional angesiedelter Erzählungen ein überregionales Publikum ansprechen. Regionalisierung als Phänomen und Erfolgsformel, als Gegenbewegung zur Globalisierung. Kaum eine größere Stadt, die mittlerweile nicht ein Tatort-Team aufzuweisen hat. In Deutschland grassiert das Krimi-Fieber.

Damit komme ich auch schon zu meinem Kritikpunkt, zur Bezeichnung des Romans als »Krimi«. Klar, dass sich das verkaufsstrategisch besser vermarkten lässt. Es weckt damit aber auch eine gewisse Erwartungshaltung bei der mittlerweile sehr erfahrenen Leserschaft.
Die kennt die wenigen Grundzutaten, die in der Auflistung simpel, in der Ausführung umso vieles schwerer sind. Ausgangspunkt ist immer ein Verbrechen, die Tat. Und da hängt die Latte sehr hoch. Kapitalverbrechen unterhalb des Schweregrades Mord reichen da heute kaum noch aus. Die Spurenlage muss unklar, widersprüchlich sein. Das Tatmotiv kauert versteckt im Dunkeln und lässt sich so leicht nicht finden. Aber der Dreiklang Schock, Rätsel und Täterjagd ist nach wie vor bewährtes Strickmuster leichter Whodunit-Krimis aus dem Vorabendprogramm. Auf verschlungenen Pfaden nähert sich der Ermittler dem (vermeintlichen) Täter.
Was bei den Klassikern wie Sherlock Holmes und Hercule Poirot noch reine Denksportaufgabe, die den Leser ob deren Kombinationsgabe verblüfft zurücklassen sollte, war, ist heute durch Angstspannung angereichert und fast ersetzt. Es muss sich eine bedrohliche Spannung zuspitzen, eine Ungewissheit die Nerven bis ins Extrem reizen, die erst im finalen Showdown kulminiert. Von allen Gattungen, die mit Spannungsbögen arbeiten, sind es die Formate Krimi und in verschärfter Form Thriller, welche die Leserschaft am stärksten und heftigsten emotional bewegen wollen.Das alles weiß Reichelt. Es gehört zum Handwerk. Und er spielt mit diesem Wissen - und mit der Erwartungshaltung des Lesers. Erhellend ist der Epilog, der den Untertitel »Ein Bad Füssing Krimi« konterkariert: »Aber dass ein einfacher Therapeut über sich hinauswächst und einen fiesen Straftäter dingfest macht, hatten Sie nicht erwartet, oder doch?«

Was haben wir? Ich fasse mal zusammen: Das beschauliche Bad Füssing. Der Kurbetrieb wird aus der Sicht eines hypernervösen Therapeuten beschrieben. Eine skurrile Figur, herrlich überzeichnet. Dann fuchtelt ein Unbekannter mit einem Luftgewehr herum und schießt aus dem Off auf Urlauber. Die Taten, die im Sinne dramaturgischer Taktung eines Krimis mit Abstand auftreten müssen, gleichen hier eher wohlgesetzten Akupunkturstichen in eine bloß vom Arbeitsalltag überreizten Oberfläche.
Überhaupt, die Hauptfigur ist der krasse Gegenentwurf eines Detektives vom Schlage Philipp Marlowe, der in jeder Szene irgendwie doch noch ein Whiskey-Glas zu fassen bekommt und als Steppenwolf am Ende dennoch nüchtern den Verbrecher stellt. Reichelts Therapeut ist kein Ermittler. Er ist ein Anti-Ermittler, ein Jedermann. Er will gar nicht ermitteln, sondern rutscht irgendwie mehr und mehr durch Umstände in die Situationskomik hinein. Es sind vor allem Befürchtungen und Angst, die ihn antreiben Verdachtsmomenten nachzugehen. Am Ende bleibt sogar das Motiv völlig im Unklaren.
Was ist »Saisonabsch(l)uss« nun? Ein Anti-Krimi, eine Persiflage? Auf jedenfalls eine Komödie, die funktioniert. Von Radio Planet wurde das erkannt und unlängst ausgezeichnet: als »Buch des Jahres in der Kategorie Humor 2016«. Eine 2. Auflage, die zu erwarten ist, sollte den Untertitel entsprechend anpassen.
M. Schneider-Dominco

(Werbekennzeichnung nach dem §§ 2 Nr. 5 TMG (Telemediengesetz) ff)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0