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„In Liebe – Ihr Johannes Brahms“

Wer wollte schon einen Roman über einen zufriedenen Menschen lesen, der – in der bürgerlichen Ordnung fest eingefügt – brav sein Leben abspult. Das Leben des jungen aufstrebenden Johannes Brahms gibt da schon einen ungleich besseren Stoff ab.

Mehr noch: Das Romanhafte der Brahms' schen Existenz liege auf der Hand, so Till Sailer im Nachwort seines Künstler-Romans. Brahms’ Weg ins Leben – das sei eine erzählenswerte, literaturwürdige Geschichte. Sailer entrollt auf 466 Seiten das Streben und Ringen um Anerkennung des genialischen Jünglings aus Hamburg während seiner bewegten Lehr- und Wanderjahre zwischen 1853-59.
Wie der Titel schon andeutet, spielt die Liebe eine bedeutsame Rolle. Sie grundiert den Roman durchgehend, mal offensichtlich, mal eher subkutan. Denn die Beziehung zu Clara Schumann, zu der sich gegen Ende des Buches noch das Liebesverhältnis zur Göttinger Professorentochter Agathe von Siebold gesellt, ist bei weitem keine kitschig-klischeehafte. Sie ist kompliziert und facettenreich, wirkt aber insgesamt schöpferisch stimulierend.
Es ist natürlich reizvoll, eine so berühmte Persönlichkeit den Wechselfällen des Lebens auszusetzen. Wie zeigt sich Brahms, wenn er bis über beide Ohren verliebt ist, aber die Geliebte um seiner Freiheit willen wochenlang hinhält? Dabei ging es Sailer jedoch nicht um „voyeuristische Einblicke aus der Schlüssellochperspektive“. Er nimmt damit einem grundsätzlichen Kritikpunkt gleich den Wind aus den Segeln. Eigentliches Ziel sei es vielmehr gewesen, den Menschen Brahms einer breiten Leserschaft näher zu bringen sowie dessen „Lebensentwurf nach-erlebbar zu machen“.
Das ist ihm überaus gut gelungen. Anders als in manchen gewichtigen Biografien kommt Sailer dem Leser durch seine schlichte, zum Belletristischen neigende Schreibweise entgegen. Er erzählt nicht einfach gefühlsarchäologisch an den überlieferten Briefen und Dokumenten entlang, sondern entwirft von ihnen ausgehend ein lebensnahes eigenes Portrait des freiheitsliebenden Künstlers. Es ist eben ein Brahms mit viel Bodenhaftung, der auch manchen Misserfolg im Großen wie im Kleinen hinnehmen muss. Ein amüsantes Beispiel hierfür bietet die Probe seiner Serenade in Hamburg, als der Fagottist eine ihm unspielbare Stelle auf Plattdeutsch entschuldigt: „Dat lött sik ut’n Fagott nich rutholl’n, Jung!“
Hier hat ein Kenner der Musikgeschichte einen hochintelligenten, unterhaltsam und zugleich informativ geschriebenen Roman vorgelegt, dessen Lektüre sehr zu empfehlen ist.

 

Matthias Schneider-Dominco

(Werbekennzeichnung nach dem §§ 2 Nr. 5 TMG (Telemediengesetz) ff)

 

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